Eine Unart setzt sich durch: die Binnenmajuskel

Auch wenn Sie vielleicht nicht wissen, was eine Binnenmajuskel ist, gesehen haben Sie bestimmt schon mindestens eine. Zum Beispiel im Wort BahnCard. Was hat es damit auf sich? Kaum Gutes!

Eine Binnenmajuskel, auch der Binnenversal, die Binnenversalie oder Binnen-Großbuchstaben, nennt man einen Großbuchstaben im Wort­inneren. Wie etwa in „BahnCard“, „CityForum“ oder „HafenCity“. Diese großen Buchstaben mitten im Wortinneren sehen doch ziem­lich merkwürdig aus, wenn nicht gar geradezu komisch!

Die Erektion im Text

CamelCase
CamelCase (Silver Spoon Sokpop/ Wikimedia Commons)
Im Englischen und in Programmier­sprachen werden sie als CamelCase oder Camel Caps bezeichnet, weil sie wie die Höcker eines Kamels hervortreten. Das Binnen-I zur Gleichberechtigung der Geschlechter in der Sprache, von der Tageszeitung „taz“ einmal als „Erektion im Text“ bezeichnet (obwohl selbst einer dessen Vorreiter!), ist inzwischen zugunsten der korrekten Schreib­weise mit „/-innen“ zum Glück weitgehend verschwunden. Dafür verbreiten sich andere Anwendungen von anderen Binnenversalien immer mehr.

Weltläufigkeit oder Pseudo-Anglizismus? Oder zu faul, einen Bindestrich zu setzen?

Soll damit eine gewisse Weltgewandtheit demonstriert werden? Ein weiterer (Pseudo-)Anglizismus, der zeigen soll, wie international wir doch „aufgestellt“ sind? Ein revolutionärer, gar anarchistischer Umgang mit der Sprache, der mit Althergebrachtem brechen soll, so wie die Errungenschaften, die mit einem Wort mit einer Binnen­majuskel benannt werden? Ein Heischen nach Aufmerksamkeit und Beachtung? Oder einfach zu faul, einen Bindestrich zu setzen?

Kompletter Verzicht auf Rechtschreibregeln?

Doch da diese zeitgenössische Idee als reichlich unausgegoren und noch nicht weitgehend genug erscheint, ist ein weiterer Schritt vorzuschlagen: warum nicht komPlett auf die regeln der großUndKleinSchreibung & der zeichenSetzung verZichten & stattDessen alle wörter zusammenSchreiben & nach wortBestandTeilen + binnenMajuskeln ausStatten, da+ es auch jeder verSteht, ? sich worte zusammenSetzen? OderVielleichtGleichAllesZusammenSchreiben?

Ein Touch von Hermaphroditismus

Große Binnenbuchstaben haben einen Touch von Hermaphroditismus, Autogamie, wenn nicht überhaupt von Fortpflanzungsfeindlichkeit.

So schrieb ein(e) „Owi I8“ in einem (im WWW leider nicht mehr vorhandenen) Forum von derStandard.at. Und bei dieser Gelegenheit: Die Firma Microsoft firmierte bei der Gründung 1975 noch als „Micro-soft“ (mit Bindestrich!) und schaffte den Sprung an die Weltspitze auch ohne eine Binnenmajuskel.

Sie sehen also, dass es auch ohne geht!

Verweise zum Thema

(Dieser Beitrag erschien am 12. August 2010 unter dem Titel „MySchwachSinn. Das Präfix ‚My‘ und die Binnenmajuskel“ in Ronalds Notizen und wurde für dieses Weblog gekürzt und editiert.)

Ronald M. Filkas
Gelernter Schriftsetzer im Handsatz, Studium der Germanistik, zertifiziert abgeschlossene Fortbildungen „Web-Publishing Schwerpunkt DTP“ und Online-Redaktion, langjährige Erfahrungen als Schriftsetzer/ DTP-Fachkraft und als Korrektor und Lektor in Druckereien, Redaktionen und Verlagen. Mehr? Seite „Über mich“!

12 Kommentare

  1. Es tut mir leid, aber ich finde die Bin­de­stri­che­ri­tis viel schlim­mer. Und die (par­don) idio­ti­schen Tren­nungs- und Zusam­men­schreib-Regeln der neuen Unrecht­schrei­bung sind noch viel übler.
    Die Infor­ma­ti­ker wis­sen schon, warum sie die Bin­nen-Groß­buch­sta­ben ver­wen­den. Es läßt sich bes­ser par­sen und ver­mei­det die stö­ren­den „-“ oder gar „_​“, die Unter­strich-Tren­nungs­stri­che, gegen die ein Feld­zug viel nütz­li­cher wäre.
    Und das gilt nicht nur für intel­li­gente Soft­ware son­dern auch für intel­li­gente Menschen.

    1. Nun, Infor­ma­ti­ker machen ja nur einen klei­nen Teil der Bevöl­ke­rung und damit der­je­ni­gen aus, die die übli­che Umgangs­spra­che nut­zen, Herr Dr. Schnupp, und warum sollte man die­sen die Recht­schrei­bung über­las­sen! Sind Ihnen denn die vie­len Miss­ver­ständ­nisse nicht bekannt, die durch Dep­pen­leer­zei­chen ent­ste­hen? Ein Kas­ten Weiß­brot etwa, was ist das? Ein gan­zer Kas­ten vol­ler Weiß­brote? Bei einem Kas­ten­weiß­brot ist das klar, aber ein Kas­ten­Weiß­brot sieht ein­fach nur häss­lich aus!

      Unter­stri­che kenne ich hin­ge­gen nur von der Bezeich­nung von Dateien, die aus meh­re­ren Wör­tern bestehen und ins WWW hoch­ge­la­den wer­den sol­len, wobei hier auch Bin­de­stri­che Ver­wen­dung fin­den. Eine gemischte Groß- und Klein­schrei­bung ist in HTML nicht vorgesehen.

      Ihren letz­ten Satz hin­ge­gen ver­stehe ich nicht, aber das muss viel­leicht auch nicht sein.

      PS: Glei­ches wie für Infor­ma­ti­ker gilt übri­gens auch für Wer­ber und Marketing-Leute!

  2. Hallo Ronald,

    heute lau­tete die Titel­zeile eines News­let­ters »Der esports Sum­mer 2018 geht wei­ter!«. Ich stand auf dem Schlauch. Der Google-Über­set­zer hat es als kata­la­nisch erkannt, aber gemeint waren hier wohl elek­tro­ni­sche Sport­ar­ten. Kor­rekt müsste es also »E‑Sports« heis­sen. Aber wann wurde hier der Punkt als Abbre­via­tur-Zei­chen weg­ge­las­sen? Müsste es also nicht ganz kor­rekt sogar E.-Sports hei­ßen? Da ergibt eSports oder eMail doch ein kla­re­res Wort­bild, das auch noch unter­schwel­lig auf den eng­li­schen (statt kata­la­ni­schen) Ursprung ver­weist. Und genau das hilft mir. Da diese Schreib­weise ja nicht auf rein deut­sche Wort­kon­strukte über­greift, erkenne ich eng­li­sche Begriffe schnel­ler und spre­che sie gege­be­nen­falls sogar rich­tig aus.

    1. Hallo, Jochen,

      mal ganz davon abge­se­hen, ob elek­tro­ni­sche Sport­ar­ten über­haupt als Sport anzu­er­ken­nen sind (für mich übri­gens nicht, ebenso wenig wie das Schach­spiel, weil für mich Sport immer noch etwas mit haupt­säch­lich kör­per­li­cher Tätig­keit und Anstren­gung zu tun hat), ist die Über­schrift wirk­lich ziem­lich unglück­lich gewählt. Und das nicht nur die Schreib­weise „esports“, son­dern auch den feh­len­den Bin­de­strich betreffend.

      Wann der Abkür­zungs­punkt hin­ter dem E für „elek­tro­nisch“ weg­ge­las­sen wurde, falls jemals einer vor­han­den war, kann ich dir nicht sagen. Dafür aber, dass es im Hin­blick auf die elek­tro­ni­sche Post mit­tels E‑Mail auch die Ver­wechs­lungs­ge­fahr mit der immer noch ver­wen­de­ten Ober­flä­chen-Behand­lungs- und Ver­ede­lungs­me­thode Email (auch: Emaille) gibt. Da magst du jetzt ant­wor­ten, dass sich das doch aus dem Zusam­men­hang ergibt, ob Email oder E‑Mail gemeint ist, und ich sage: Rich­tig, das hat sich für mich einige Male tat­säch­lich und erst aus dem Zusam­men­hang erge­ben, aber nicht auf den ers­ten Blick! Und was soll so schwie­rig daran sein, „E‑Sports“ zu schrei­ben? Den eng­li­schen Ursprung erken­nen wir so sicher­lich auch – nicht nur am Plural‑s!

  3. Guten Tag Herr Filkas!
    Als meine Kol­le­gen heute Mor­gen mit kurio­sen, schwer zu lesen­den Wör­tern wie:
    Hof­fens­ter­chen | Mini­ste­reo­an­lage | Zwerg­els­tern | Analpha­be­tis­mus | Urinsek­ten | Alt­bau­charme wit­zel­ten, wollte ich ihnen die Vor­züge des Bin­nen­Ma­jus­kel erklä­ren, suchte danach im Inter­Net und stieß auf ihren an Hate­Speech gren­zen­den Artikel. 

    Hier ist von „Unart“ die Rede.
    Von „Hei­schen nach Auf­merk­sam­keit“ und „Faul­heit“.

    Ich selbst wende diese „zeit­ge­nös­si­sche Idee“ bereits seit der letz­ten Jahr­Tau­send­Wende an.
    Damals konn­ten per SMS nur eine begrenzte Anzahl an Zei­chen für eine beacht­li­che Summe ver­sen­det werden.
    Da schien es nur logisch auf Binde-Stri­che zu verzichten
    die unnö­tig Geld kosteten. 

    Von ihrem Vor­schlag des „kom­plet­tem Ver­zichts auf Recht­schreib­re­geln“ möchte ich drin­gend abraten!
    Die von ihnen dar­ge­stell­ten „regeln der großUnd­Klein­Schrei­bung & der zei­chen­Set­zung“ hel­fen beim lesen kaum. 

    Lässt sich Hof­Fens­ter­chen nicht ein­fa­cher lesen?
    Oder: Mini­Ste­reo­An­lage | Zwerg­Els­tern | AnalPha­be­tis­mus | UrInsek­ten und AltBauCharme?

    1. Sorry, Herr Uba, da eine aus­führ­li­che Ant­wort „unnö­tig Geld“ kos­tet, kann lei­der nicht aus­führ­lich auf Ihren Kom­men­tar ein­ge­gan­gen wer­den. Hier nur so viel: Mit „AnalPha­be­tis­mus“ ist Ihnen eine herr­li­che Stil­blüte gelun­gen. Muss ich mir merken!
      HochAchtungsVoll

      Übri­gens: Sie sind nicht zufäl­lig auch gegen das Gen­dern, weil es die Schrift­spra­che verunstaltet?

  4. Es ist schon hoch­in­ter­es­sant, über was sich auf­ge­regt wird, über Ver­än­de­rung von Spra­che. Ist nicht auch die Spra­che einer Wand­lung unter­le­gen ? Dies gibt es seit Jahr­tau­sen­den. Zum Thema Bin­nen­ma­jus­kel, dies fin­det sich sogar schon seit Jahr­tau­sen­den. Mehr sollte man sich viel­leicht dar­über auf­re­gen, dass wir als intel­li­gente Men­schen die Spra­che ver­un­stal­ten in dem wir Wor­ten, die seit­her rich­tig geschrie­ben wur­den und einer frem­den Spra­che ent­stam­men „ein­deut­schen“ damit es ein­fa­cher wird, nur damit unsere Kin­der sie spä­ter im Fremd­spra­chen­un­ter­richt wie­der rich­tig ler­nen müs­sen, das ist mei­nes Erach­tens absurd. Ein Ver­än­de­rung hin­sicht­lich Abkür­zun­gen oder ver­bes­ser­tes Les­bar­keit sollte m.E. kein Pro­blem dar­stel­len. Und das „Gen­dern“ abzu­leh­nen hat damit über­haupt nichts zu tun.

    1. Danke für den Kom­men­tar, aber haben Sie einen Beleg dafür, dass es die Bin­nen­ma­jus­kel „sogar schon seit Jahr­tau­sen­den“ geben soll? Mir sind nur bibli­sche Schreib­wei­sen bekannt, mit­tels derer im Barock in der Luther­bi­bel Got­tes Namen als Unter­schied zu einem all­ge­mei­nen Herrn groß­ge­schrie­ben wurde (GOtt, HErr), was aber im Grunde genom­men keine Bei­spiele für Bin­nen­ma­jus­keln sind.

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