Wasser oder Wässer, wann nehme ich was?

Fragezeichen

Wasser oder Wässer, das ist die Frage, wenn es um den Plural von „Wasser“ geht. Der Autor klärt auf, damit Sie mit allen Wassern gewaschen sind und kein Wässerchen trüben können.

Es gibt wenige Wörter im Deutschen, die zwei verschiedene Pluralformen oder Mehrzahlen (ja, das ist tatsächlich die Mehrzahl von „Mehrzahl“!) haben. Über Wörter und Worte haben wir hier schon doziert. „Wasser“ ist ein weiteres Beispiel dafür, denn es gibt sowohl den gleichlautenden Plural als auch „Wässer”. Wann also nun Wasser oder Wässer?

Die Wasser

Wenn wir von Wassermassen, Fluten, Gewässern oder Ähnlichem sprechen, lautet die Mehrzahl „die Wasser“. So können wir ein Bad in den heiligen Wassern des Ganges oder auch in den profanen Wassern des nächsten Badesees nehmen. Aber bedenken Sie: Trübe Wasser sind tief! Dann halt im nächsten Schwimmbad, wenn Sie mit allen Wassern gewaschen sind.

Die Wässer

Wenn wir von einer speziellen Flüssigkeit reden, lautet die Mehrzahl „die Wässer“. Der Duden zieht als Beispiel die Regale an der Wand einer Parfümerie heran, die „voller sündhaft teurer duftender Wässer“ standen. Oft finden sich die Wässer auch in Komposita: Mineralwässer, Gesichtswässer, Rasierwässer, Duftwässer(chen) usw.

„Wasser“ ohne Mehrzahl

Die Umschreibung von Flüssigkeiten, die der menschliche Körper bildet, wie etwa Eiter, Schweiß, Tränen, Urin usw., als „Wasser“ kommen ganz ohne Plural aus. So, wie diese Sekrete, bis auf die Tränen, selbst. Hier benutzen wir den Singular und hoffen, dass diese Anstrengung, so es denn eine sein sollte, Ihnen nicht das Wasser in die Augen treibt oder Ihnen das Wasser von der Stirn tropft.

Das Verb „wassern“ und weitere Verwendungen

Wenn wir uns hier schon mit Wasser oder Wässern beschäftigen, dann tun wir dies doch auch noch mit dem entsprechenden Verb. Wenn Vögel, ein Flugzeug, eine Raumsonde oder andere flugfähige Gegenstände sich auf dem Wasser niederlassen oder dort niedergehen, sprechen wir vom Wassern.

Die Raumkapsel Sojus wird im Atlantik wassern.

Über das Wasserfassen und -lassen müssen wir wohl nicht näher eingehen, aber vielleicht noch ein Wort zu dem Wässerchen, dass wir trüben könn(t)en.

Kein Wässerchen trüben

Laut dem Duden-Band „Zitate und Aussprüche“ (Berlin 2017) hat die Redewendung „kein Wässerchen trüben können“ ihren Ursprung in einer äsopschen Fabel des römischen Fabeldichters Phädrus († um 50 n. Chr.):

Ein Wolf, der an einem Bach trinkt, wirft einem weiter unterhalb des Bachlaufs trinkenden Lamm vor, es habe „sein“ Wasser trübe gemacht. Das Lamm verteidigt sich mit dem Hinweis, dass es sein Wasser nicht habe trüben können, weil der Bach nicht bergauf fließe. Was dem Lamm allerdings nicht hilft …

Die ursprüngliche Verwendung für „völlig harmlos sein, nichts Böses oder Unrechtes tun können“, wird nicht nur in dieser Fabel gern ins Negative gekehrt: „aussehen, als ob man kein Wässerchen trüben könnte“, was so viel bedeutet wie „harmlos aussehen, ohne es zu sein“.

An den oder in den Wassern

Und, ach ja, bevor wir es vergessen: Wir haben hier verschiedentlich auch von den Wassern gesprochen. Etwa in „mit allen Wassern gewaschen“ oder „in den heiligen Wassern des Ganges“. Dieser Ausdruck ist ein eher poetischer Plural von Wasser. Ganz prominent taucht er auch in der Bibel auf. Die Weltstadt Babylon ist die „Hure, die an vielen Wassern sitzt“ (Offenbarung des Johannes). Und auch dort bei den Juden, die, als sie nach Mesopotamien verschleppt wurden, wo sie „an den Wassern von Babylon saßen und weinten, wenn wir an Zion gedachten“ (Psalm 137).

Wasser oder Wässer?

Die Frage, ob Wasser oder Wässer, dürfte hiermit geklärt sein. Der Autor hofft, dass Sie nun tatsächlich mit allen Wassern gewaschen sind und kein Wässerchen trüben können.

Ronald M. Filkas
Gelernter Schriftsetzer im Handsatz, Studium der Germanistik, zertifiziert abgeschlossene Fortbildungen „Web-Publishing Schwerpunkt DTP“ und Online-Redaktion, langjährige Erfahrungen als Schriftsetzer/ DTP-Fachkraft und als Korrektor und Lektor in Druckereien, Redaktionen und Verlagen. Mehr? Seite „Über mich“!

7 Kommentare

  1. Lieber Ronald M. Filkas,

    ich habe Ihren Beitrag gern gelesen und werde bald wieder auf Ihrer Seite stöbern.
    Zu Wassern und Wässern möchte ich ergänzen, dass „Wässer“ neben der humoristischen Bedeutung (Duftwässer, Wässerchen u.ä.) auch eine poetische Form sein können. Manche banalen Wasser werden so zu speziellen Wässern.

    Freundliche Grüße

    1. Nun, als „humoristisch“ würde ich die Form „Wässerchen“ nicht unbedingt bezeichnen, obgleich das bei manchen Anwendungsbeispielen naheliegend sein mag, aber bei der poetischen Form könnte ich Ihnen zustimmen.

      Mit Dank für den Kommentar und einem freundlichen Gruß zurück!

  2. Lieber Herr Filkas,

    toller Artikel. Soweit ich mich allerdings recht erinnere (wohne schon seit 25 Jahren nicht mehr im deutschen Sprachraum) ist Träne das Singular von Tränen. Blut wäre vielleicht ein besseres Beispiel gewesen. Das hat keinen Plural, oder? Außer in Kombination mit Adjektiv bei Tieren, da haben wir Kalt-und Warmblüter u Voll-und Halbblüter ; )

    Liebe Grüße aus Chicago
    Isabelle

    1. Vielen Dank für das Lob, Frau Flegel! Interessant, dass mein Weblog auch aus den USA besucht wird!

      Mit den „Tränen“ haben Sie etwas falsch verstanden. Natürlich gibt es die Träne und die Tränen. Ich schrieb in meinem Beitrag aber von „Wasser“ als Umschreibung für Körperflüssigkeiten, also auch für Tränen! Ich habe das im Beitrag aber nachträglich eindeutiger formuliert.

      Was mögliche andere Beispiele für Wörter ohne eigene oder gar mehrere Pluralformen anbelangt, nehme ich diese als Anregung, darüber einmal einen eigenen Beitrag zu verfassen. Gerade das Wort „Blut“ bietet sich hierzu bestens an! Ich würde mich freuen, wenn Sie von diesem irgendwann noch erfahren.

      Ein dankender Gruß aus Frankfurt am Main!

      1. Oh, bin die erste USA Besucherin? Das ist ja toll! Eine meiner Nachhilfe Schülerinnen fragte mich nach dem Plural von Wasser u ob beides (Wasser, Wässer) geht. Ich war mir ziemlich sicher aber nicht 100%ig u ihr Artikel war einer der ersten Beiträge bei Google.

        Wenn Sie den Artikel über Wörter ohne Plural schreiben, dann aber nicht die Wörter im Plural ohne Singular vergessen. Meine Deutschschüler sind immer sehr amüsiert, wenn ich ihnen das Wort Eltern beibringe, und dann nachgefragt wird, wie man das denn in der Einzahl sagt, und ich Elternteil antworte, weil sich das auf Englisch wie „ein Stück Eltern“ anhört.

        Dann gebe ich immer den Vergleich mit Möbel, was in der Einzahl ja auch Möbelstück ist, und das ist im Englischen das gleiche, piece of furniture.

        Ich habe, obwohl seit 8 Jahren als Deutschlehrerin tätig, weder Germanistik noch Lehramt studiert, bin aber ein Fan von Sprache, Wortspielen und Linguistik u werde bestimmt noch den einen oder anderen ihrer Blogs begeistert lesen.

        Es ist doch toll, dass man manchmal auf Kuriositäten in der eigenen Sprache stößt, die einem niemals auffallen würden, wenn sie nicht jemand aufzeigte. Neulich habe ich mich sehr amüsiert, als ich über den Unterschied zwischen úmfahren u umfáhren las. Im Infinitiv sind die beiden Wörter außer der leicht anderen Betonung fast völlig gleich, aber eins ist trennbar, das andere nicht, sie haben daher unterschiedliche Partizipien und das lustige ist ja, dass sie das genaue Gegenteil bedeuten … oh, Entschuldigung, sie meinten ich soll das Hindernis umfáhren, nicht úmfahren … hahahaha : )

        1. Nein, nicht die erste Besucherin aus den USA, sondern die erste, die hier kommentiert! Bis auf eine, die zwar keinen Kommentar abgegeben hatte, aber mich persönlich angeschrieben hatte, um mir einen Tipp zu geben, der zu dem Beitrag „Kostenlose Schriftarten auch für kommerzielle Zwecke“ führte.

          Wie ich festgestellt habe, werden diese Seiten sogar sehr häufig aus den Vereinigten Staaten aufgerufen: In der Gesamtstatistik liegen sie sogar an dritter Stelle hinter Österreich und noch vor der Schweiz! Auch Kanada steht übrigens recht weit oben. Aber wenn ich auch aus fast der ganzen Welt aufgerufen werde, so nehmen diese Zahlen um so mehr ab, je weniger deutschsprachige Auswanderer/-innen es dort gibt. So verzeichne ich sogar Besucher/-innen aus Brasilien, Chile und Südafrika! Der Schwerpunkt liegt aber eindeutig in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

          Das mit dem „umfahren“ ist mir so noch gar nicht aufgefallen; danke für den Hinweis, den ich vielleicht einmal für eine Glosse verwenden könnte. Allerdings ist das Wort in beiderlei Bedeutung trennbar.

          Übrigens gibt es auch in meinem anderen Weblog „Ronalds Notizen“ eine Kategorie „Sprache und Austausch“; vielleicht ist diese ja auch interessant für Sie.

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