Brötchen, Semmel, Schrippe, Weck: Wie sage ich’s richtig?

Korb mit Brötchen

Brötchen, Semmel, Schrippe oder Weck(en): Wie nennt man eigentlich dieses runde oder längliche Gebäck, das wir meist zum Frühstück verzehren? Und wo wie? Eine kleine hoffentlich auch kulinarisch anregende und internationale Hilfestellung!

Haben Sie schon gefrühstückt? Hoffentlich! Auch wenn viele Deutsche das Frühstück als die wichtigste Mahlzeit am Tage ansehen, so zeigen doch Auftritte von Mitmenschen aller Art im Straßenbild und in öffentlichen Verkehrsmitteln Gegenteiliges: einen Pappbecher mit einer meist überteuerten Kaffeespezialität in der einen und dazu irgendein oft belegtes Gebäck verschiedenster Ausprägung in der anderen Hand. Spätestens dann aber, wenn Sie einen Umzug planen oder Sie im Urlaub kein Frühstück angeboten bekommen und morgens zum Bäcker oder in ein Café gehen müssen, sollten Sie sich vorher informiert haben, wie man in jener Gegend das Backwerk aus Weizen- oder auch Roggenmehl nennt, das Sie verzehren möchten.

Brötchen und Semmeln, aber keine Brödle

Korb mit Brötchen
Korb mit Brötchen (3268zauber/ Wikimedia Commons)
Am sichersten sind Sie, wenn Sie ein Brötchen verlangen. Dieser Begriff ist vor allem in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, im nördlichen Rheinland-Pfalz, weiten Teilen Hessens, im nördlichen Sachsen-Anhalt und Teilen Brandenburgs verbreitet, also vor allem in Nord- und Mitteldeutschland. In Thüringen, im südlichen Sachsen-Anhalt und in Sachsen sind sowohl „Brötchen“ als auch „Semmel“ üblich. Die Verkleinerungsform von Brot ist sicher auch im süddeutschen Raum verständlich, allerdings gibt es hier Ausnahmen.

In Bayern und auch in Österreich ist der Ausdruck Semmel gebräuchlicher, was vom lateinischen Wort simila für „fein gemahlenes Weizenmehl“ kommt, das wiederum aus dem assyrischen samidu für „weißes Mehl“ stammt. Eine Ausnahme stellt auch der schwäbische, badische und alemannische Raum dar, denn der dort verwendete Begriff „Brödle“ bedeutet nicht Brötchen im Sinne dieses Beitrags, sondern steht für Plätzchen! In Österreich hingegen ist ein Brötchen ein anderes Wort für kleine belegte Brotstücke, die Canapés (in der vom Duden empfohlenen Schreibweise übrigens „Ka­na­pees“).

Wecken in jeder Form

Langsemmel
Schrippe bzw. Langsemmel (Wikidienst/ Wikimedia Commons)
Nicht auf die Zutaten, sondern auf die Form nehmen der südwestdeutsch-österreichische Weck(en) oder die berlinerische Schrippe Bezug. Der Weck geht auf das althochdeutsche wecki für „Keil“ zurück, die Schrippe auf das frühneuhochdeutsche schripfen für „(auf)kratzen“; sie bezeichnet also die Einkerbung auf der Oberseite des (länglichen) Gebäcks. In Österreich heißt diese Sorte folglich Langsemmel.

Doppeltes Broetchen
Doppel-, Wasser-, Paarweck, (Doppel)semmel (Zwoenitzer/ Wikimedia Commons)
Der Weck in jeder Form, also ohne oder mit den Endungen -e, -en oder -a bzw. als Diminutiv mit den Endungen -le, -li oder -la, ist vor allem in Baden-Württemberg, der Schweiz (hier als Weggli), Rheinhessen, Südhessen, der Pfalz, Franken (Weggla, hier ursprünglich nur für Milchbrötchen) und dem Saarland gebräuchlich. Oft und gern ist dieses Gebäck eine Doppelsemmel, auch als Doppelwecka, Wasserweck oder Paarweck bezeichnet. Eine Sonderform bildet der Eierweck.

Kaisersemmeln und Rundstücke

Kaisersemmel-
Kaisersemmel (Kobako/ Wikimedia Commons)
Runde Brötchen ohne oder vor allem mit sternförmigen Einkerbungen heißen auch in Berlin Kaisersemmel, in Hamburg (und zumindest in Frankfurt am Main ist mir der Begriff auch wohlbekannt) Kaiserbrötchen. Welcher Kaiser hier Pate stand, ist allerdings ebenso ungeklärt wie die gültige Version davon, wie die Kaisersemmel zu ihrem Namen kam. Die Unterart der Wiener Kaisersemmel, auch „Handsemmel“, verlangt im Gegensatz zur „ordinären“ Kaisersemmel übrigens weitere Produktionsschritte und ist immer von Hand gefertigt!

In Hamburg, in Schleswig-Holstein und in Teilen des nordwestlichen Niedersachsens ist auch die Bezeichnung „Rundstück“ für das (nicht immer ganz runde) Brötchen gebräuchlich.

Hörnchen in jeder Form

Brötchen schneckenförmig
Schneckenförmige Brötchen in Tschechien (LutzBruno/ Wikimedia Commons)
In der Tschechischen und in der Slowakischen Republik ist die Hörnchenform für Brötchen üblich, obwohl es dort auch Semmeln gibt: in Tschechien als žemle und in der Slowakei als žemľa. Bekannt sind aber vor allem die hierzulande leider so gut wie ausgestorbenen Karlsbader Hörnchen.

Im deutschsprachigen Raum gibt es Hörnchen etwa in Sachsen und im Rheinland. Zumindest hier in Frankfurt am Main kennt man sie als „Butterhörnchen“. In manchen Regionen, zum Beispiel im Rheinland, gibt es Hörnchen- und Stangengebäck aus Brötchenteig, das mit Käse überbacken oder mit Kümmel, Salz oder anderen Zutaten bestreut ist, und vor allem in Süddeutschland wird „Hörnchen“ gelegentlich für „Croissant“ benutzt.

Sowohl diese Hörnchen oder Stangen als auch Croissants zählen jedoch nicht zu den Brötchen!

Das Brötchen in anderen Sprachen

Das Diminutiv für Brot ist in vielen Sprachen bekannt. Doch Vorsicht: Nicht überall bedeutet er das Gleiche wie bei uns, sofern es diese (möchte man sagen:) typisch deutsch-österreichisch-schweizerische Spezialität überhaupt gibt!

Panino, Panini und Baguette

Im Französischen ist die Übernahme aus dem Italienischen panino nämlich ein belegtes Stück Weißbrot im italienischen Stil, ein panini ein heißes belegtes Stück Weißbrot. Das allgegenwärtige baguette überwiegt dort aber bei Weitem: in kleine Scheiben geschnitten zum Essen, als längs aufgeschnittenes Stück mit Schinken oder Salami und zusätzlich Käse belegt oder zum Frühstück als tartine, dick mit Butter und Konfitüre bestrichen und gern in den (Milch)kaffee getunkt. In Italien selbst entspricht ein panino eher einem Brötchen, ein panino imbottito ist ein belegtes Stück Weißbrot.

Broodjes, Rundstykker und Pãozinhos

Rundstykker
Dänische Brötchensorten (Nillerdk/Wikimedia Commons)
Das broodje in den Niederlanden ist nur die Verkleinerung von Brot, wie dort gern und ausgiebig verkleinert wird; ein kadetje würde am ehesten dem deutschen Vorbild entsprechen, wird allerdings meistens belegt verkauft. Dort und in Belgien gibt es aber auch pistoletjes und Italiaanse bollen (helle Brötchensorten). Der krentenbol ist eine Art Rosinenbrötchen, das neben krenten (Korinthen) oder rozijnen auch sukade (Zitronat) enthält. Die Konsistenz ist saftiger als die der deutschen Entsprechung, wobei durch die Zugabe von Eigelb (oder Farbstoff) der Teig gelblicher wird.

Die dänischen und norwegischen rundstykker entsprechen ziemlich genau unseren Brötchen, ebenso das in Brasilien und Portugal erhältliche pãozinho, wobei es sich hier ausschließlich um Weißmehlbrötchen handelt. Das gilt auch für das in Spanien und Lateinamerika oft erhältliche panecillo. Beim brasilianischen pão de queijo handelt es sich hingegen um Käsebrötchen aus Maniokmehl, wobei der Käse nicht den Belag darstellt, sondern im Teig mitgebacken wird. Sie sind dort in jeder Bäckerei zu finden und werden auch gern zum Frühstück gegessen.

Småfranska, Bulle und Bread Rolls

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Semla/ fastlagsbulle (schwedisch), laskiaispulla (finnisch), fastelavnsbolle (dänisch, norwegisch; poo/ Wikimedia Commons)
In Schweden sind sowohl run(d)stycke als auch småfranska, bulle oder franskbrödsbulle bekannt. Doch Vorsicht bei den semla, auch fastlagsbulle, fettisdagsbulle, hetvägg: Hierbei handelt es sich wie in schwedischsprachigen Teilen Finnlands um dick mit Sahne oder Kreme gefüllte runde Teigwaren. Der in Dänemark und Norwegen gebräuchliche Name fastelavnsbolle lässt auf die Jahreszeit schließen, in der diese Krapfen verzehrt werden.

Im englischen Sprachraum ist die Bezeichnung bread rolls üblich, wobei es, ähnlich wie hier, im britischen Englisch sehr viele regionale Bezeichnungen und Unterschiede gibt. So sind beispielsweise die Kaiser rolls bzw. die Vienna rolls auch hier nicht unbekannt (siehe vorher), wobei diese dort gern mit Mohn oder Sesam bestreut gebacken werden.

Brötchen sind uralt!

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Der Spitzwecken von Ovelgönne mit Rekonstruktionsversuch (Archäologisches Museum Hamburg)
Eine erhaltene Hälfte eines aus der vorrömischen Eisenzeit stammenden Brötchens, das 1952 bei einer archäologischen Ausgrabung in der Buxtehuder Gemarkung Ovelgönne gefunden wurde, ist der „Spitzwecken von Ovelgönne“. Bei diesem Brotrest in der Form eines Brötchens, dessen beide Enden in Spitzen auslaufen, handelt es sich um das älteste erhaltene Kleingebäck Europas. Die Datierung erfolgte über die typologische Bestimmung der mitgefundenen Gefäßscherben, die allesamt denen der für die frühe Eisenzeit um 800 bis 500 v. Chr. typischen Gefäßformen glichen. Der Spitzweck war in einer bis dato nicht denkbaren Feinheit des verwendeten Weizenmehls, das in seiner Korngröße modernen Mehlsorten nahe kommt, und in einer Raffinesse, den Einschnitt und die Einstippungen betreffend, hergestellt. In halber Tiefe der Grube fand sich auch noch der Rest eines verkohlten Brotes.

Nun, so lange sollten Sie Brötchen nicht liegen lassen! Und falls Sie noch nicht gefrühstückt haben: guten Appetit!

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Fünf typische Brötchenarten aus Wien (Ralf Roletschek/ Wikimedia Commons)

Quellen und weitere Verweise:

Ronald M. Filkas

Gelernter Schriftsetzer im Handsatz, Studium der Germanistik, zertifiziert abgeschlossene Fortbildungen „Web-Publishing Schwerpunkt DTP“ und Online-Redaktion, langjährige Erfahrungen als Schriftsetzer/ DTP-Fachkraft und als Korrektor und Lektor in Druckereien, Redaktionen und Verlagen. Mehr? Seite „Über mich“!

5 Kommentare

  1. Ich finde es immer wieder amüsierend, bei meinem Bäcker frühstückend verweilend zu beobachten, wie man der Kundschaft immer wieder erläutert, wie das einzelne Produkt heißt. Es ist ein besonderer Bäcker, welcher noch nach uralter Backtradition bäckt. Dementsprechend kommt dort auch eine entsprechende Kundschaft in den Laden.
    Schmunzeln läßt mich dabei, daß diese es zumeist genau so händeln wie ich, nämlich auf etwas zeigen und fragen: ‚was ist das‘.
    Ich selbst kann nicht auswendig lernen und so kann ich mir auch dort die Bezeichnungen der Brote zumeist nach wie vor nicht merken. Ich händle es dann derart, daß ich bei der Bestellung z.B. sage, ‚ich hätte gerne ein Brot ohne alles‘. Die Verkäuferinnen wissen dann schon, welches Brot ich meine. Es gibt da nämlich nur ein Brot, welches keine Körner etc. enthält.
    Übrigens lautet meine erste Bestellung dort: ‚einmal Frühstück bitte‘. Dieses Frühstück besteht aus einem Wasserweck (!) mit zwei Mohrenköpfen drauf und einem Cappuccino. Bei neu eingestiegenem Personal kommt da schon die Frage auf, ob und wie da zwei Mohrenköpfe auf einen Wasserweck sollen 🙂

  2. Ein normales Weizen-Brötchen ohne alles, aufgeschnitten mit einem Mohrenkopf * dazwischen, war eine beliebte Pausenmahlzeit in meinen Schülertagen. Schön, dass Sie sich diese Spezialität erhalten haben.
    PS. Sie war damals aber auch sehr gefährlich. Schon sie schon mal versucht, einen Mohrenkopf * aus den Haaren zu entfernen? Schülertage …

    * Die Bäckerei-Fachverkäuferinnen und wir Schüler nannten es damals einfach „Negerkuss-Brötchen“. Heute natürlich „Schokokuss“ oder „Schaumkuss“.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Schokokuss

    1. Ich danke den Herren Lenau und W. herzlich dafür, dass Sie meine Erinnerungen an meine Schulzeit aufgefrischt haben; diese „Spezialität“ ist mir von früher her nämlich auch noch wohlbekannt! Ich meine, dass sie bei uns Schokobrötchen genannt wurden, allerdings nicht mit einem Wasserweck zubereitet, sondern mit einem normalen runden (Kaiser)brötchen, und es passte auch nur ein Schokokuss zwischen die Hälften. Zum Glück (für mich und meine Haare) kann ich mich jedoch an keine Streiche in Verbindung mit dieser Mahlzeit erinnern.

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