Die Gästin? Über geschlechtergerechte Sprache

Ampelmännchen und -frauen bei Rot und Grün

Geschlechtergerechte Sprache empfinden nicht nur Männer oft als Krampf. Unsicherheiten der schriftlichen Umsetzung mögen hierbei eine große Rolle spielen. Dieser Beitrag soll über mögliche, aber auch über unmögliche Formen der sprachlichen Gleichstellung sowie ein wenig über dessen Geschichte informieren – nicht nur am heutigen Internationalen Frauentag. Und, ja, die Gästin gibt es wirklich!

Die Frage der Gleichstellung der Geschlechter in der Sprache wird oft als problematisch empfunden. Dabei gehört sie zu den wichtigsten Fragen für alle, die sich mit Sprache beschäftigen. Laut Birgit Eickhoff im Sprachspiegel 1/99 betrifft ein hoher Anteil der Anfragen an die Dudenredaktion diesen Komplex.

Deutsche Geschlechtslexeme
Deutsche geschlechtsbezogene Lexeme (v. a. für erwachsene Menschen) und deren Beziehungen zueinander (Crissov/ Wikimedia Commons)

Die Doppelnennung

Die Doppelnennung femininer und maskuliner Formen (Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Schülerinnen und Schüler, jede und jeder usw.) ist hierbei nicht nur die höflichste, sondern auch die einfachste und eindeutigste Variante der sprachlichen Gleichstellung. Sie ist vor allem in der Anrede üblich.

Die konsequente Doppelnennung birgt jedoch Schwierigkeiten, weil viele sie besonders in gesprochenen Texten als anstrengend empfinden. Als eine mögliche Lösung böte sich an, Ersatzformen zu verwenden. Statt etwa Sprecher und Sprecherinnen, Hörer und Hörerinnen, Schreiber und Schreiberinnen sowie Leser und Leserinnen zu erwähnen, lassen sich diese etwa durch Kommunikationsteilnehmer ersetzen.

Die Verwendung von Ersatzformen

Wer die Doppelnennung vermeiden will, kann Ersatzformen verwenden. Statt die Leiterin und den Leiter zu nennen, kann von der Leitung sprechen oder schreiben, statt von Lehrern und Lehrerinnen von Lehrenden oder den Lehrkräften, statt dem Wählerverzeichnis vom Wahlverzeichnis. Die Studierenden aus der Vergangenheit haben sich hier allerdings als Schlag ins Wasser herausgestellt, da sich das Wort auf Menschen bezieht, die sich unmittelbar und aktiv gerade in der Tätigkeit des Studierens befinden – was nicht auf jeden Studenten resp. jede Studentin zutrifft (siehe hierzu auch ein Gespräch mit Peter Eisenberg, Linguist, Universität Potsdam: „Ein Säugling ist nicht dasselbe wie ein Gesäugter“ im Deutschlandfunk vom heutigen Tage).

Doch wie handhabe ich geschlechtergerechte Sprache, wenn es sich nicht um eine (An)rede, sondern um andere Arten von Texten handelt? Und dann, wenn diese Doppelnennung an ihre (meist räumlichen) Grenzen stößt, wenn es sich um Komposita (zusammengesetzte Wörter) wie etwa „Fußgängerüberweg“ und deren Begriffserklärung handelt? Eine Stelle, an der Fußgängerinnen und Fußgänger eine Straße überqueren dürfen?

Die Verwendung des Schrägstrichs

Die häufigste Form der sprachlichen Gleichstellung der Geschlechter ist immer noch die Variante mit Schrägstrich und Bindestrich: Mitarbeiter/-in, Korrektor/-in, Lektor/-in usw. Diese Möglichkeit ist zugleich von den amtlichen Rechtschreibregeln des Dudens abgedeckt, wobei der Bindestrich nach wie vor vorgeschrieben ist. Allerdings wird häufig aus typografischen oder anderen Gründen, etwa aus Unkenntnis dieser Regel, auf ihn verzichtet: Mitarbeiter/in, Korrektor/in, Lektor/in usw.

Der Verwendung der Schrägstrichvariante sind aus grammatischen Gründen jedoch Grenzen gesetzt. Wortpaare, bei denen die feminine Form nicht nur durch Anhängen einer Endung an die maskuline gebildet wird, lassen sich nicht so einfach durch den Schrägstrich verkürzen. In solchen Fällen sollten alle Formen ausgeschrieben werden: Kollegen und Kolleginnen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter usw. Aber wie beim bereits genannten Fußgängerüberweg stößt die Schrägstrichvariante an eine weitere Grenze, wenn es um Wortzusammensetzungen geht: Fußgänger/-innenweg? Fußgänger/-innen/weg?

Der Sprachgebrauch löst sich jedoch in letzter Zeit von starren Regeln. Aus praktischen Gründen werden Doppelformen häufig wie ein Gesamtwort behandelt und entsprechend unkompliziert flektiert: den Mitarbeiter/innen, den Kolleg/innen, wenngleich dies aus genannten grammatischen Gründen eigentlich nicht zulässig ist.

Die Verwendung von Klammern

Wenn die Schrägstrichvariante an ihre Grenzen stößt, bietet die Schreibung mit Klammern weitaus mehr Möglichkeiten, weil sie nämlich auch im Wortinneren und im Plural anwendbar ist: Autor(inn)en, Korrektor(inn)en usw. Zudem kann sie in Fällen Anwendung finden, die eigentlich gar nicht verkürzt darstellbar sind: Ärzt(inn)en, Beamt(inn)en usw.

Die Verwendung von Asterisk und Unterstrich

Zwei weitere, recht kreative verkürzte Schreibvarianten zur Gleichstellung der Geschlechter finden sich immer häufiger: der Asterisk (das Sternchen) und der Unterstrich. Beispiele finden sich in: Lehrer*innen, Mitarbeiter*innen; Besucher_innen und Händler_innen.

Das Sternchen, ursprünglich überwiegend im universitären Umfeld verwendet, findet sich oft in Kontexten, in denen aufgrund aktueller Transgender- und Intersexualitätsdebatten nicht mehr von einem rein binären System der Geschlechter ausgegangen wird. Ähnliches gilt für den Unterstrich, den sogenannten Gendergap. Beiden Formen gemein ist, dass sie das herkömmliche Schriftbild bewusst irritieren.

Asterisk und Unterstrich gelten seitens der Dudenredaktion jedoch keineswegs als empfohlene Zeichen, sind also auch nicht vom amtlichen Regelwerk abgedeckt! Wer sich jedoch nicht in einem amtlichen Kontext bewegt, kann sich mit einer dieser Lösungen vielleicht anfreunden.

Die „Geschlechtsneutralität signalisierende Exemplarizität“

Die Literaturwissenschaftlerin Ulrike Haß-Zumkehr empfiehlt eine „Geschlechtsneutralität signalisierende Exemplarizität“. Sie sieht vor, dass in Büchern wechselweise Kapitel in männlicher und in weiblicher Sprache verfasst werden. Hier soll also die feminine Form exemplarisch, aber nicht immer explizit mitgenannt werden. Diese Möglichkeit ließe sich nicht nur bei längeren Texten wie eben bei Büchern, sondern auch in kürzeren anwenden.

Der Verzicht auf das Wörtchen „man“

Geschlechtergerechte Sprache heißt weiterhin beispielsweise auch, auf den Gebrauch des Wörtchens „man“ für „irgendeine(r), jede(r) beliebige (Mensch)“ zu verzichten. Möglichkeiten hierzu gibt es genügend: jemand (sofern in einer bestimmten Situation stellvertretend für jedermann gesprochen wird), die Leute (stellvertretend für die Öffentlichkeit), ich, wir (wenn der Sprecher/die Sprecherin in der Allgemeinheit aufgeht oder aufgehen möchte) und du, ihr, Sie oder er, sie (als Ausdruck der Distanz, wenn jemand die direkte Anrede vermeiden will). Damit vermeiden Sie auch das unsägliche „man und frau“.

Die Geschichte der sprachlichen Gleichstellung und das große I

Bereits 1980 erschienen die ersten „Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs“. Hierin ging es nicht nur um die Vermeidung der Anrede „Fräulein“, sondern auch um direkte gesellschaftsverändernde Ansprüche. Das große oder auch Binnen-I taucht hier zwar noch nicht auf, doch scheint es so zu sein, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung erst durch dessen vermehrtem Gebrauch einsetzte. Auch deshalb, weil das Binnen-I als provokant empfunden und meist abgelehnt wurde – und wird!

Die „Gästin“ und die Brüder Grimm

Die weibliche Emanzipation hat inzwischen zumindest sprachlich auch in die Märchenwelt Einzug gehalten. Nicht nur die Diskussion darüber, ob „Mohren“ und „Negerlein“ diskriminierend ist, sondern auch, ob es neben dem Drachen nicht auch eine Drachin geben solle, ist durchaus aktuell.

Wie aber sprechen wir von einem weiblichen Gast? Ganz einfach: von einer Gästin! Sie ist laut Duden sogar korrekt. Wenngleich sie im allgemeinen Sprachgebrauch vielleicht irritieren mag, ist sie keineswegs weiblicher Sprachemanzipation geschuldet. Ganz im Gegenteil: Die Gästin gehört zu den weiblichen Formen, die, wie übrigens auch die Engelin oder die Geistin, bereits im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm aufgeführt und mit zahlreichen Belegstellen unterfüttert worden sind! Auf dem Weg vom späten 19. bis ins 21. Jahrhundert war sie aus der Alltagssprache verschwunden, heute taucht sie wieder auf.

Geschlechtergerechte Sprache: Wie halten Sie es damit?

Doch wie halten Sie es selbst mit dem geschlechtergerechten Sprachgebrauch? Welche Möglichkeiten nutzen Sie? Gibt es bei Ihnen eventuell sogar dienstliche Vorschriften? Oder lehnen Sie ihn grundsätzlich ab?

Auf spannende Kommentare auch über den heutigen Internationalen Frauentag hinaus freut sich der Autor, der tatsächlich ein Autor ist!

Siehe auch

Ronald M. Filkas
Gelernter Schriftsetzer im Handsatz, Studium der Germanistik, zertifiziert abgeschlossene Fortbildungen „Web-Publishing Schwerpunkt DTP“ und Online-Redaktion, langjährige Erfahrungen als Schriftsetzer/ DTP-Fachkraft und als Korrektor und Lektor in Druckereien, Redaktionen und Verlagen. Mehr? Seite „Über mich“!

11 Kommentare

  1. Danke, Salzstreuer und -In. Unerträglich. Weiß man schon, wieviele Buch- und andere Seiten für dieses „Hobby“ den Wäldern abgerungen wurden? Haben wir nicht sehr viel Schwerwiegenderes zu tun, wenn es um Geschlechtergleichstellung geht? Nicht WIR, die Löhne- und Gehälter zahlenden Arbeitgeber in Wirtschaft UND Politik. Warum tobt sich darüber nieMAN(n)nd aus? Die Gerechtigkeit unter Menschen, weiblichen und männlichen, bleibt auf der Strecke und wie es scheint, der gesunde Menschenverstand auch.

    1. Nun, Frau Wiltsch, „den Wäldern abgerungen“ wurde für dieses „Hobby“, wie Sie diese Diskussion titulieren, sicherlich wenig, zumal sie hauptsächlich in Kommentaren und Forenbeiträgen im WWW stattfindet, z. B. hier. Ich stimme Ihnen aber zu, dass es im Hinblick auf die Geschlechtergleichstellung weitaus mehr zu tun gibt. Dem, was hinter Ihrem zweiten Fragezeichen folgt, kann ich jedoch nicht folgen. Haben Sie diesen Satz nicht vollendet? Und von welcher „Gerechtigkeit unter Menschen, weiblichen und männlichen“, sprechen Sie in diesem Zusammenhang?

  2. Vielen Dank für die kurze Übersicht möglicher Schreibweisen, Herr Filkas.
    Eines hinterließ bei mir einen leichten Beigeschmack: Im Absatz über die Gästin schreiben Sie, dass dieses Wort „keineswegs weiblicher Sprachemanzipation geschuldet“ sei. Diese Formulierung lässt die weibliche Sprachemanzipation als etwas Lästiges dastehen. Empfinden Sie die emanzipatorischen Bemühung als lästig?
    Außerdem würde ich derartige Bemühungen die Sprache für Menschen aller Geschlechter gerechter zu gestalten nicht als „weiblich“ abtun (eine Diskussion darüber, was alles unter „weiblich“ verstanden wird, sprengte diesen Rahmen). Es geht schließlich um die Sichtbarmachung aller Menschen, die sich nicht mit der herkömmlichen patriarchalen Sprache „mitgemeint“ fühlen. Sicherlich stimmen Sie mir darin zu, dass wir daran arbeiten sollten, die binäre Geschlechternorm zu „verlernen“. Denn nur so kann jenen eine Stimme gegeben werden, die sich selbst jenseits von „männlich“ und „weiblich“ positionieren.

    1. Nein, Sophie, es geht bei dieser von Ihnen kritisierten Formulierung nicht darum, „weibliche Sprachemanzipation als etwas Lästiges“ darzustellen, und auch nicht darum, ob ich „die emanzipatorischen Bemühung als lästig“ empfinde! Die Formulierung, dass das Wort Gästin „keineswegs weiblicher Sprachemanzipation geschuldet“ ist, soll lediglich darauf hinweisen, dass dieses Wort weitaus älter ist als alle Diskussionen über geschlechtergerechte Sprache von heute, was im weiteren Verlauf des Absatzes auch klar werden dürfte. Zudem verkennen Sie, dass mein Beitrag inzwischen fast genau zwei Jahre alt ist. Seitdem hat sich viel verändert, besonders im Hinblick auf gendergerechte Sprache, die hier auch nur angerissen werden konnte, weil sie noch nicht ganz den Stellenwert hatte, den sie inzwischen hat. Ansonsten stimme ich Ihnen zu.

      Danke für den Kommentar!

    2. Darf ich nachfragen, inwieweit man bei den Regeln der Genuskongruenz von „patriarchaler Sprache“ sprechen kann, und inwiefern es sich beim generischen Maskulinum um ein „mitgemeint sein“ handelt? Ich vermute stark, dass Sie hier das grammatikalische Genus (das historisch nichts mit dem tierisch-pflanzlichen Geschlecht zu tun hat), mit dem sog. natürlichen Geschlecht verwechseln, wohl durch den englischen Sprachgebrauch (gender), wo jenes auf dieses weitesgehend eingeengt wurde…

  3. Man kann ja über den Nutzen und Nachteil sogenannter geschlechtergerechter Sprache unterschiedlicher Meinung sein (ich jedenfalls halte sie deswegen für desaströs, weil uns damit die Allgemeinbegriffe abhanden kommen und wir die gesamte Menschheit ständig auf die Geschlechter aufteilen – als ob wir immer in erster Linie Mann oder Frau wären, und dann erst Mensch), aber was spricht denn bitte gegen das unpersönliche „man“? Und jetzt behaupte bitte nieMANd, dass dies eigentlich gleichbedeutend mit Mann ist und man auch deshalb Wörter wie Mannschaft durch das grausig-neudeutsche „Team“ ersetzen möge: Wer so redet, darf nämlich auch nicht mehr Mensch (= der Männische) sagen…

    1. Wenn Sie schon so weit gekommen sind, „Mensch“ als von „der Männische“ kommend einzuordnen, frage ich mich, warum Sie nicht auch „man“ auf „Mann“ zurückführen können! Laut Duden ist das nämlich seit dem Alt- und Mittelhochdeutschen der Fall. Ob deswegen „Wörter wie Mannschaft durch das grausig-neudeutsche ‚Team‘“ ersetzt wurden, bezweifle ich doch stark, zumal, um es, wie Sie vermutlich auch, auf die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu beziehen, es sich um eine reine Marketing-Maßnahme des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) und seinem Hauptsponsor und Werbepartner handelte, die wiederum viel (durchaus berechtigte) Kritik wegen des Denglischen ausgelöst hatte.

      Vom Gebrauch des Wörtchens „man“ rate ich aber auch aus stilistischen Gründen ab. Je seriöser der Text, desto weniger sollte es Verwendung finden!

      1. Was „Mannschaft“ und „Team“ angeht: Ich habe derartige Empfehlungen bereits gelesen. Der entscheidende Punkt ist aber doch der, dass „Mann“ ursprünglich (wie in unseren Schwestersprachen, vgl. engl. „the race of man“, „mankind“) „Mensch“ bedeutet, und erst später eine Bedeutungsverengung erfahren hat (so parallel in den romanischen Sprachen vir -> homo) und so das alte Wort „Wer“ (vgl. „Werwolf) verdrängt hat… Würden Sie wirklich so pauschal von „man“ abraten? Ich halte auch hier Kontext und Aussage für zentral…

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