Gleich zwei Unwörter des Jahres 2020

Deleaturzeichen

Das Unwort des Jahres sind gleich zwei Wörter; die Unwörter des Jahres 2020 sind also „Rückführungspatenschaften“ und „Corona-Diktatur“.

Die Redaktion von „Unwort des Jahres“ ist „eine institutionell unabhängige und ehrenamtliche Initiative von vier Sprach­wissenschaftlern und einem Journalisten“. Vorhin gab sie die Entscheidung für dieses Jahr bekannt. Diesmal fiel die Wahl auf gleich zwei Wörter. Die Unwörter des Jahres 2020 sind demgemäß „Rückführungs­patenschaften“ und „Corona-Diktatur“ (hier die Presseerklärung als PDF).

Das Wort „Rückführungspatenschaften“ hält die Jury

für zynisch und beschönigend: Der ursprünglich christlich geprägte, positive Begriff der Patenschaft steht für Verant­wortungs­übernahme und Unterstützung im Interesse von Hilfsbedürftigen. In der Zusammensetzung mit dem – ebenfalls beschönigend für „Abschiebung“ gebrauchten – Wort „Rück­führung“ wird suggeriert, „dass Abschieben eine gute menschliche Tat“ (Zitat aus einer Einsendung) sei.

Das Wort „Corona-Diktatur“ werde

seit Beginn des öffentlichen Diskurses um den politischen Umgang mit der Pandemie von der selbst ernannten „Querdenker“-Bewegung und insbesondere von deren rechtsextremen Propagandisten gebraucht, um regierungs­politische Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu diskreditieren. Dass der Ausdruck auf Demonstrationen verwendet wird, die – anders als in autoritären Systemen! – ausdrücklich erlaubt sind, stellt schon in sich einen Widerspruch dar.

Zudem verharmlose der Ausdruck

tatsächliche Diktaturen und verhöhnt die Menschen, die sich dort gegen die Diktatoren wenden und dafür Haft und Folter bis hin zum Tod in Kauf nehmen oder fliehen müssen.

Dies erscheine

umso problematischer, als das Schlagwort oft von denen verwendet wird, die – wie es in einer Einsendung heißt – „ja selbst und zum Teil ganz offen auf die Abschaffung der bürger­lichen Freiheiten und der sie repräsentierenden Verfassung zielen“. Der Ausdruck macht es zudem schwieriger, berechtigte Zweifel an einzelnen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie offen und konstruktiv zu diskutieren.

Das Unwort des Jahres sind also gleich zwei Unwörter des Jahres 2020. Wer übrigens das Wort „Unwort“ selbst für ein Unwort hält, lese diesen interessanten Beitrag von Hans von Trotha in Deutschlandfunk Kultur: „Wort und Unwort des Jahres – Schlaglichter auf akute Debatten“ vom 5. Januar 2021!

Die vorigen Unwörter des Jahres

(Siehe hier auch „‚Corona-Pandemie‘ ist Wort des Jahres“ und „Vom Wandel der Sprache durch die Corona-Krise“!)

Ronald M. Filkas
Gelernter Schriftsetzer im Handsatz, Studium der Germanistik, zertifiziert abgeschlossene Fortbildungen „Web-Publishing Schwerpunkt DTP“ und Online-Redaktion, langjährige Erfahrungen als Schriftsetzer/ DTP-Fachkraft und als Korrektor und Lektor in Druckereien, Redaktionen und Verlagen. Mehr? Seite „Über mich“!

4 Kommentare

  1. Nun ja – über die Vergabe des Titels „Unwort des Jahres“ kann man sich genauso streiten wie über die Verleihung so mancher Nobelpreise. Vielmehr ist für mich aber oft der Begründungstext interessant und – wie auch hier – oft trauriger Beweis für eine tendenziöse Beurteilung gewisser „Unliebsamkeiten“ im Umgang mit diversen essentiellen Alltagsthemen durch die Politik. Wer hat sich denn ganz offiziell angemaßt, die Demokratie abzuschaffen? Abgesehen davon, dass letztere ohnehin nirgendwo wirklich existiert, werden doch wohl noch solche einfachen Dinge wie sachliche Kritik, Meinungsäußerung (auch nicht-systemkonform) und ordentliche Parlamentsentscheidungen zu geplanten staatlichen Maßnahmen erlaubt sein. Forderungen und Kritiken in dieser Richtung sowie die Bildung von Vereinigungen pauschal in die „Rechte Ecke“ zu verteufeln, können sich die Sprach­wissenschaftler und Journalisten oben genannter „Initiative“ eben leider auch nicht verkneifen.
    Insofern ist es nicht wirklich angebracht, ein weiteres Unwort des Jahres zu titulieren – auch wenn es ein Kandidat dafür ist.

    1. Glauben Sie etwa, dass Menschen, die mit Reichsflaggen, also solchen des Kaiserreichs bis hin zum Übergang zum sogenannten „Dritten Reich“, an den „Querdenken“-Demonstrationen teilnehmen, demokratisch eingestellt sind? Wenn man bedenkt, dass es während des Kaiserreichs eine generelle Impfpflicht gab, die von vielen heutzutage bekanntlich vehement abgelehnt wird, kommt sogar noch der Faktor Dummheit hinzu! Die tatsächlich nachweisbaren Verbindungen dieser „Bewegung“ in die rechte/rechtsextreme Szene ignorieren Sie dabei völlig, und Sie selbst scheinen übrigens auch nicht so ganz von dem System „Demokratie“ überzeugt zu sein, wenn ich lese, „dass letztere [die Demokratie] ohnehin nirgendwo wirklich existiert“. Außerdem wird meiner Erfahrung nach niemand in eine „Rechte Ecke [sic!]“ gestellt; die Betreffenden stellen sich allermeist höchstselbst in diese!

      Aber warum wehren sich überhaupt so viele dagegen, politisch rechts zu sein? Meldet sich hier etwa das Gewissen oder wenigstens Reste davon, das einer/einem sagt, dass das „schlecht“ ist? Hier käme also noch der Faktor Schizophrenie hinzu: rechts sein, aber partout nicht sein wollen!

      Und was das Unwort selbst angeht: Waren nicht Sie es, der in seinem Kommentar zu „‚Corona-Pandemie‘ ist Wort des Jahres“ anregte, dass „Corona-Pandemie“ „gleichzeitig zum Unwort des Jahres deklariert werden“ sollte, während Sie hier nun die Vergabe von Unwörtern selbst infrage stellen bzw. es selbst für einen Kandidaten dafür halten? Aber warum wollten Sie es überhaupt zu einen Unwort erklären lassen? Weil es keine Corona-Pandemie gibt?

      Ihr Kommentar zeigt nur leider wieder einmal, wie löchrig, widersprüchlich und Fakten-resistent die Argumentation dieser „Corona-Skeptiker“ und „Querdenken“-Leute, Wörter übrigens, die ich selbst auch als Unwort titulieren würde, und zu denen ich Sie offensichtlich zählen darf, zuallermeist ist.

      1. Wer lesen UND das Gelesene sowie seinen Verfasser verstehen kann, diskutiert in der Regel sachlicher.
        Ich habe weder etwas infrage gestellt oder „ignoriert“ (auch die rechtsextremen Elemente in gewissen Vereinigungen nicht) noch einem meiner früheren Beiträge widersprochen, wie Sie etwas unsachlich behaupten. Allerdings verwehre ich mich grundsätzlich gegen Pauschalisierungen, wie sie eben sowohl in der Begründung zum „Unwort..“ als auch in Ihrer Reaktion auf meinen Beitrag zu finden sind. Wer Kritik an der Art der Umsetzung von (zweifellos irgendwie nötigen) Maßnahmen übt oder einfach mal wieder darauf hinweist, dass einige dieser Maßnahmen eines ordentlichen (!) parlamentarischen Entscheidungsprozesses bedürfen, ist weder dumm noch schizophren.
        Außerdem muss man endlich mal zur Kenntnis nehmen, dass die meisten der in jüngster Vergangenheit entstandenen Vereinigungen und „Bewegungen“, wie Sie sie nennen, nicht grundsätzlich nur aus „Menschen.. mit Reichsflaggen“ und sonstigen Ewig-Gestrigen bestehen. Leider ist die „Klappe“ letzterer eben oftmals sehr viel größer und sie verstehen die Kunst, sich zu einer gemeinsamen Meinung zu entschließen, häufig sehr viel besser. Hier müsste eigentlich eine umfassende Ursachenforschung ansetzen, wenn man denn ernsthaft etwas dagegen unternehmen wollen würde.
        Was das Thema Impfpflicht angeht, kann ich Ihre Diskussion nicht ganz nachvollziehen, wenn Sie es im gleichen Atemzug mit dem Thema Rechtextremismus quasi vermischen. Was spricht eigentlich gegen eine allgemeine Impfpflicht? Trotzdem sind Bedenken bzw. Ablehnungen in solchen Fällen sehr wohl legitim und auch zu tolerieren, wenn z. B. Impfstoffe oder Medikamente noch nicht ausreichend erprobt sind (siehe Contergan). Irgendwelche Menschen deswegen auszugrenzen oder gar Repressalien auszusetzen hat dann doch nichts mehr mit Demokratie oder Rechtsstaatlichkeit zu tun.
        Über das Thema Demokratie sollten Sie als Sprach­wissenschaftler eigentlich besser „im Bilde“ sein.
        Ich bleibe dabei: Es gab sie – im Sinne ihres Namens und ihrer Bedeutung – seit 500 v. Chr. nie mehr wirklich. Heute wird dieser Begriff – wie vieles Andere auch – immer wieder irgendwie passend „zurechtgebogen“…

        1. Wenn ich nur lese, „dass einige dieser Maßnahmen eines ordentlichen (!) parlamentarischen Entscheidungsprozesses bedürfen“ (man beachte das Ausrufezeichen!), was Ihrer Ansicht nach wohl nicht geschah, sowie Ihren letzten Absatz, kann und muss es sich hier ja wohl um eine „Corona-Diktatur“ handeln! Aber „Spaß“ beiseite, mir scheint eher, dass sich ein alter Spruch bewahrheitet: Getroffene Hunde bellen. Wie sonst sind Ihre so überaus engagierten Reaktionen schon auf den Beitrag zum Wort des Jahres und nun hier zu erklären?

          Aber, erstens, bevor die Hunde auch noch beißen, um es metaphorisch auszudrücken, ziehe ich mich hiermit aus dieser Diskussion zurück. Zweitens bin ich auch nicht dazu da, Entscheidungen von zwei Jurys zu verteidigen (dass Ihre Kritik dort berechtigter wäre, sei hier nur am Rande erwähnt, ich habe die Entscheidungen hier schließlich – wenngleich durchaus mit einer gewissen Sympathie dafür – nur bekanntgegeben!), und drittens kenne ich solche Diskussionen zur Genüge: Sie führen zu nichts! Wenn Sie die in meinem Beitrag zitierten Begründungen aufmerksam durchgelesen (und verstanden) und sich nicht gleich angesprochen gefühlt hätten, wäre Ihr erster Kommentar womöglich nicht nötig gewesen, denn darin wird eigentlich recht anschaulich erklärt, was Sie vorher an Fragen aufwarfen. (Das Wort „‚Bewegungen‘, wie Sie sie nennen“, stammt, bei dieser Gelegenheit, auch nicht von mir, sondern wurde so in der Begründung genannt!) Durch eine Fortführung aber entstünde nur weitere Verwirrung.

          Viertens sollten Sie sich vielleicht auch einmal die Grundsätze zur Vergabe von Unwörtern durchlesen.

          Auf Ihre unzweifelhaft folgende Antwort hierauf wird also von meiner Seite aus nicht mehr eingegangen werden.

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