Typografie in Frankfurt am Main

Skizzen für Zeitschrift

Das Museum Ange­wandte Kunst zeigt bis zum 14. August 2016 eine Aus­stel­lung über Typo­gra­fie in Frank­furt am Main: „Alles neu! 100 Jahre Neue Typo­gra­fie und Neue Gra­fik in Frank­furt am Main“. Eine Emp­feh­lung nicht nur für Lieb­ha­ber der Schriftkunst!

Coat of arms of Frankfurt (temporarily in Weimar Republic)
Von Hans Leis­ti­kow nach Ent­wür­fen von Ernst May ent­wor­fene expres­sio­nis­ti­sche Fas­sung des Wap­pens der Stadt Frank­furt am Main, in den 1920ern ein­ge­führt und 1930 wie­der abge­schafft (Insti­tut für Stadt­ge­schichte über Wiki­me­dia Commons)

Nach dem Ers­ten Welt­krieg ent­stand ein Moder­ni­sie­rungs- und Gestal­tungs­pro­jekt, das als „Das Neue Frank­furt“ vor allem in die Archi­tek­tur­ge­schichte ein­ge­gan­gen ist. Bis dahin über­schnit­ten sich Ele­mente des His­to­ris­mus, des Jugend­stils und einer frü­hen Moderne.

Es han­delte sich beim „Neuen Frank­furt“ jedoch um ein umfang­rei­che­res Vor­ha­ben, das poli­ti­sche, gesell­schaft­li­che und gesamt­kul­tu­relle Dimen­sio­nen besaß und kei­nen gerin­ge­ren Anspruch hatte, als eine neue Stadt und eine neue Gesell­schaft zu erschaf­fen. Die­ses vom libe­ra­len Ober­bür­ger­meis­ter (1924 bis 1933) Lud­wig Land­mann initi­ierte Pro­jekt stellte eine heute kaum mehr vor­stell­bare, aber damals zumin­dest teil­weise ver­wirk­lichte Uto­pie dar!

Das „Neue Frankfurt“

Skizzen für Zeitschrift
Titel­blatt­skiz­zen für die Zeit­schrift „Das Neue Frank­furt“ (Lise­lotte Mül­ler 1929/1931, Nach­lass Lise­lotte Mül­ler Frank­furt a. M.)
Einladungskarte Vortrag
Ein­la­dungs­karte „Stadt­rat May über das Rekla­me­we­sen“ (Max Bit­trof 1927, Samm­lung Fried­rich Friedl Frank­furt a. M.)

Design, vor allem auch Gra­fik­de­sign, visu­elle Kom­mu­ni­ka­tion und Schrift­gestaltung spiel­ten in die­sem „Neuen Frank­furt“ eine beson­dere Rolle. Dies ging so weit, dass eine Reklame-Ord­nung Bil­der aus der Wer­bung ver­ban­nen und nur noch infor­ma­tive Texte erlau­ben wollte.

Das Frank­fur­ter Museum Ange­wandte Kunst nimmt in der Aus­stel­lung „Alles neu! 100 Jahre Neue Typo­gra­fie und Neue Gra­fik in Frank­furt am Main“ eine sys­te­ma­ti­sche Auf­ar­bei­tung der Berei­che Typo­gra­fie und Gra­fik­de­sign mit einer unglaub­li­chen Anzahl von Bei­spie­len vor, wobei die Expo­nate zu einem guten Teil aus dem Nach­lass des Buch­dru­cker­meis­ters und Schrift­set­zers Phil­ipp Albi­nus (1884 bis 1957) stammen.

Die 1920er-Jahre

Anzeige Futura
Anzeige Futura, Bau­er­sche Gies­se­rei 1929/1931 (Lise­lotte Mül­ler, Nach­lass Lise­lotte Müller)

Bis in die 1920er-Jahre wur­den für Druck­sa­chen zumeist gebro­chene Schrif­ten ver­wen­det. Schrif­ten also, die noch auf die Erfin­dung des Buch­drucks zurück­ver­wei­sen. Mit der „Neuen Typo­gra­phie“, die die soge­nann­ten Gro­tesk­schrif­ten (seri­fen­lose Let­tern) pro­pa­gierte, zog inner­halb weni­ger Jahre ein neuer Wind in die Schrift­ge­stal­tung ein.

Es waren vor allem Schrift­ge­stal­ter und die ansäs­si­gen Schrift­gie­ße­reien, die Buch­dru­cker und Schrift­set­zer, die zur Durch­set­zung und der Ver­brei­tung der „Neuen Typo­graphie“ bei­tru­gen und das Rhein-Main-Gebiet zum wich­tigs­ten Stand­ort für die Reform der Typo­gra­fie machten.

Die Futura

Schriftmusterkatalog Futura
Schrift­mus­ter­heft Futura, Bau­er­sche Gies­se­rei, um 1930 (Samm­lung Albi­nus im Museum Ange­wandte Kunst Frank­furt a. M.)

Wenn von Typo­gra­fie in Frank­furt gespro­chen wird, ist vor allem auch die Schrift Futura zu erwäh­nen. Sie wurde nach lan­ger Vor­ar­beit 1927 von Paul Ren­ner wäh­rend sei­ner Frank­fur­ter Zeit ent­wor­fen, von der orts­an­säs­si­gen, schon 1837 gegrün­de­ten Bau­er­schen Gie­ße­rei umge­hend welt­weit ver­trie­ben und zu einer der erfolg­reichs­ten Schrif­ten des 20. Jahr­hun­derts. Die Nüch­tern­heit der Schrift spie­gelte die von Funk­tio­na­li­tät geprägte „Neue Sach­lich­keit“ wieder.

Seit 1988 ist die Futura übri­gens (wie­der) die Haus­schrift der Stadt Frankfurt.

Nach 1945

Unter dem NS-Régime wur­den die meis­ten gestal­te­ri­schen Neue­run­gen wie­der rück­gän­gig gemacht. Aller­dings gal­ten auch die zunächst von den Natio­nal­so­zia­lis­ten pro­pa­gier­ten Schrif­ten Schwa­ba­cher und Frak­tur ab etwa 1940 als uner­wünscht, weil gerade ers­tere (fälsch­li­cher­weise!) als „jüdisch“ ein­ge­stuft wurde.

Nach 1945 bil­dete sich Frank­furt am Main wie­der zum Zen­trum des typo­grafischen und wer­be­gra­fi­schen Gesche­hens her­aus. Neue For­men, die zum Teil aus der „Neuen Typo­gra­phie“ der 1920er her­rühr­ten, wur­den entwickelt.

Die Literatur- und Bücherstadt

Neujahrskarte 1952
Neu­jahrs­karte 1952 (Max Bit­trof 1951, Samm­lung Fried­rich Friedl Frank­furt a. M.)

Die deut­sche Tei­lung bewirkte, dass Leip­zig und Ber­lin nun keine Kon­kur­renz mehr für Frank­furt als Lite­ra­tur- und Bücher­stadt dar­stell­ten. Die Ver­lage S. Fischer und Suhr­kamp mit sei­nem Desi­gner Willy Fleck­haus zogen hier­her. Nun waren es die US-ame­ri­ka­ni­schen Wer­be­agen­tu­ren und die Buch­ver­lage, denen es zu ver­dan­ken ist, dass wie­der ein Gra­fik­de­sign auf hohem Niveau ent­stand. Die eigent­li­che Qua­li­tät in der Gestal­tung ging jedoch weni­ger von den Agen­tu­ren als von Gra­fi­kern der älte­ren Gene­ra­tion aus.

Eine andere orts­an­säs­sige Schrift­gießerei, die 1895 gegrün­dete D. Stem­pel, ent­wi­ckelte in den 1950ern mit der Hel­ve­tica einen Klas­si­ker und eine der am meis­ten ver­brei­te­ten Schrif­ten. Auch die Optima, die eben­falls weit ver­brei­tet war, zählt zu den Klassikern.

Die 1960er- und 1970er-Jahre

Konzertplakat
Kon­zert­pla­kat „Oscar Peter­son Trio“ (Gün­ther Kie­ser 1967, Samm­lung Fried­rich Friedl Frank­furt a. M.)

Im Span­nungs­feld zwi­schen Banken­präsenz und Studenten­bewegung, zwi­schen Bau­spe­ku­la­tion und Frank­fur­ter Schule der Sozio­lo­gie und lin­ken Ver­la­gen enga­gier­ten sich viele Gra­fi­ker für gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen bis hin zu radi­ka­len Alter­na­ti­ven. Dies schlug sich auch in der Ent­wick­lung der Typo­gra­fie in Frank­furt nie­der. Es herrschte eine Gemenge­lage aus Kom­merz und Kri­tik, wie sie so in kaum einer ande­ren deut­schen Stadt vor­zu­fin­den war.

Dabei spielte übri­gens auch die Satire eine nicht zu unter­schät­zende Rolle, wie sie mit der Zeit­schrift „Par­don“ und den Künst­lern der soge­nann­ten „Neuen Frank­fur­ter Schule“ ihren Aus­druck fand.

Plakat
Pla­kat, Blatt 38.73: „Ich sehe schwarz“ (Wolf­gang Schmidt 1973, Samm­lung Fried­rich Friedl Frank­furt a. M.)

Die 1980er-Jahre

In den 1980er-Jah­ren blieb die­ser gesell­schafts­kri­ti­sche Unter­ton zwar noch erhal­ten, ver­band sich aber mit einem neuen Hedo­nis­mus. Ent­lang der ehe­ma­li­gen Indus­trie­zone Hanauer Land­straße ent­stand eine Art Krea­tiv­meile mit neuen klei­nen Agen­tu­ren und Künstler­ateliers, die in die ver­las­se­nen Indus­trie­bau­ten ein­zo­gen. An der Hoch­schule für Gestal­tung (HfG) Offen­bach brachte der Fach­be­reich Visu­elle Kom­mu­ni­ka­tion neue Wege der Kom­mu­ni­ka­tion hervor.

Mit den Mög­lich­kei­ten des digi­ta­len Gestal­tens und der Computer­typografie begann eine neue Phase der visu­el­len Frank­fur­ter Design­geschichte. Sie baute nicht mehr so sehr auf Ein­fach­heit, Ein­deu­tig­keit und Reduk­tion, son­dern kon­struk­tiv gemeinte Irrita­tionen tra­ten nun in den Vor­der­grund. Und erst 1985 wurde übri­gens wie­der ein Cor­po­rate Design für die Stadt erar­bei­tet, ohne jedoch das oben gezeigte Wap­pen wie­der einzuführen.

Die 1990er-Jahre bis heute

Plakat
Less is … (Autor: San­dra Doel­ler, 2015)

Bis in die Jetzt­zeit ent­wi­ckelte sich die Typo­gra­fie in Frank­furt wei­ter. Seit den 1990er-Jah­ren sind es einige wenige aus­ge­wählte Gestal­te­rin­nen und Gestal­ter, die auf die neu ent­stan­de­nen soge­nann­ten urba­nen Erleb­nis­wel­ten in der Rhein-Main-Region reagie­ren und neue Stra­te­gien und Alter­na­ti­ven im Umgang mit Typo­gra­fie und Gra­fik als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign entwickeln.

Plakat
Ana­lo­gi­cal Mode­sty (des­res design stu­dio 2016)

Die Ausstellung

Die Aus­stel­lung „Alles neu! 100 Jahre Neue Typo­gra­fie und Neue Gra­fik in Frank­furt am Main“ im Museum Ange­wandte Kunst stellt die 1920er-Jahre ins Zen­trum und spannt dann den Bogen über die Nach­kriegs­zeit und die 1980er-Jahre bis in die Gegen­wart. Sie ist noch bis zum 14. August 2016 zu sehen.

Museum Ange­wandte Kunst, Schau­main­kai 17, 60594 Frank­furt am Main, Öff­nungs­zei­ten: diens­tags und don­ners­tags bis sonn­tags 10 bis 18 Uhr, mitt­wochs 10 bis 20 Uhr, mon­tags geschlossen

(Alle Abbil­dun­gen bis auf das ein­gangs gezeigte Stadt­wap­pen mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Muse­ums Ange­wandte Kunst; siehe auch den sehr aus­führ­li­chen Wiki­pe­dia-Arti­kel „Neues Frank­furt“ mit vie­len wei­te­ren Verweisen!)

Aktualisierung und Nachtrag vom 13. Juli 2016

Bereits im März 2016 eröff­ne­ten zwei Desi­gner (Ste­fan Weil, Ate­lier Mark­graph, und Mar­kus Weis­beck, Pro­fes­sor an der Bau­haus-Uni­ver­si­tät Wei­mar, Grün­der von Sur­face) und ein Jour­na­list (Nils Bre­mer, Chef­re­dak­teur Jour­nal Frank­furt) unter dem Titel „FRANKFUR™AIN“ einen Wett­be­werb, der Design­bü­ros aus Frank­furt dazu ein­lud, ein neues Signet für die Stadt zu entwerfen.

Die ein­ge­gan­ge­nen 60 Vor­schläge von ins­ge­samt 19 Design­bü­ros aus Frank­furt wur­den einer Jury, bestehend aus Ober­bür­ger­meis­ter Peter Feld­mann, Syl­via von Metz­ler, Tobias Reh­ber­ger, Muse­ums­di­rek­tor Mat­thias Wag­ner K sowie den Desi­gnern Ste­fan Weil, Tei­maz Shah­verdi, Ste­phan Ott und Andrej Kupetz, vor­ge­legt, die die fünf bes­ten aus­wähl­ten. Diese laden nun eben­falls bis zum 14. August in einer Prä­sen­ta­tion des Muse­ums Ange­wandte Kunst zur öffent­li­chen Dis­kus­sion ein.

Aktualisierung und Nachtrag vom 22. August 2017

Auf der Web­site von Stadt­kind fin­det sich unter dem Such­be­griff „typo­gra­fie“ (öff­net in neuem Fens­ter!) eine Reihe von Bild­bei­trä­gen über Typo­gra­fie im öffent­li­chen Raum, also von Leucht­re­kla­men oder Rekla­me­schil­dern über Geschäf­ten oder Fir­men. Sehr sehenswert!

Ronald M. Filkas
Gelernter Schriftsetzer im Handsatz, Studium der Germanistik, zertifiziert abgeschlossene Fortbildungen „Web-Publishing Schwerpunkt DTP“ und Online-Redaktion, langjährige Erfahrungen als Schriftsetzer/ DTP-Fachkraft und als Korrektor und Lektor in Druckereien, Redaktionen und Verlagen. Mehr? Seite „Über mich“!

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