Eine Insel und ein grandioses Webprojekt: „Hart Island“

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Hin und wieder erfährt der Autor auch von grandios umgesetzten Websites oder Webprojekten. In diesem Falle geht es um eine Insel, nämlich eine Insel der Toten, und das Webprojekt „Hart Island“.

Hart Island, Bronx, 2012 (cropped)
Luftbild von Hart Island vor der Küste von Bronx, New York, 2012 (Bjoertvedt/ Wikimedia Commons)
Hart Island ist eine kleine Insel, die zum Stadtbezirk Bronx in New York gehört. Schon seit 1869 begräbt die Stadt dort diejenigen, die keine Angehörigen hatten oder für deren Beerdigung niemand gefunden werden konnte, der/die die Kosten dafür übernehmen konnte oder wollte. Über eine Million New Yorker/-innen liegen inzwischen auf diesem Armenfriedhof: von Obdachlosen über AIDS-Opfer der 1980er-Jahre bis hin zu den COVID-19-Toten dieses Jahres. Das Betreten der Insel ist übrigens grundsätzlich verboten – mit Ausnahme der Totengräber! (Siehe zur Geschichte der Insel auch den Wikipedia-Artikel „Hart Island“ oder den wesentlich informativeren englischsprachigen Artikel, aus denen auch das Luftbild stammt. Das im Folgenden empfohlene Webprojekt findet dort übrigens auch Erwähnung.)

Das Webprojekt „Hart Island“

Das Webprojekt „Hart Island“ versucht seit inzwischen 2011, den anonymen Toten Namen zu geben. Jede auf der interaktiven Karte verzeichnete Zahl steht für ein Massengrab. Außerdem ist jede bislang unbekannte Person mit einer „Clock of Anonymity“ versehen, die zum Zeitpunkt der Beerdigung zu ticken beginnt. Sie zeigt somit an, wie lange dieser schon her ist. Mit dem Anhalten dieser Uhr kann man die Person aus der Anonymität holen, indem man Informationen über sie hinzufügt. Bislang fanden hauptsächlich die AIDS-Toten diese späte Würdigung.

Gestaltet wurde das Webprojekt „Hart Island“ von einem niederländischen Design-Büro, die Künstlerin Melinda Hunt betreibt die Recherche. Wer mehr über eine Person weiß, kann der Online-Datenbank Informationen und Bilder hinzufügen. Ein wirklich außergewöhnliches Projekt!

(Gefunden über PAGE online: „Insel der Toten: das Webprojekt »Hart Island«“. Siehe hier auch zu weiteren interessanten Webprojekten beispielsweise „Webdesign-Trends von früher“ und „Offline gehen!“. Über ein anderes erwähnenswertes Hilfsprojekt: „Grandiose Fotografien von Obdachlosen aus Chicago“.)

Ronald M. Filkas
Gelernter Schriftsetzer im Handsatz, Studium der Germanistik, zertifiziert abgeschlossene Fortbildungen „Web-Publishing Schwerpunkt DTP“ und Online-Redaktion, langjährige Erfahrungen als Schriftsetzer/ DTP-Fachkraft und als Korrektor und Lektor in Druckereien, Redaktionen und Verlagen. Mehr? Seite „Über mich“!

3 Kommentare

  1. Das ist ein tol­les Projekt. 

    Aber wo bleibt die Mensch­lich­keit, wenn ein sol­cher Fried­hof von nie­man­den besucht wer­den kann. Nie­mand kann dem unbe­kann­ten Toten eine Blume aufs Grab legen, weil nur Toten­grä­ber erlaubt sind…. 

    Man kann natür­lich sagen, dass das ganz egal ist, aber es ent­spricht nicht dem, was nach mei­ner Mei­nung die Mehr­heit der Men­schen im Zusam­men­hang mit Tod und Ster­ben für rich­tig empfindet.

    1. Nun ja, dar­über, was „die Mehr­heit der Men­schen im Zusam­men­hang mit Tod und Ster­ben für rich­tig emp­fin­det“, ließe sich treff­lich strei­ten. In unse­rer west­li­chen Zivi­li­sa­tion sind Tod und Ster­ben Tabu­the­men, beson­ders, aber nicht nur dann, wenn es sich um Obdach­lose oder AIDS-Tote han­delt – und um den eige­nen Tod! Andere Zivi­li­sa­tio­nen gehen mit die­sen The­men wesent­lich unbe­fan­ge­ner um.

      Es ist aber inzwi­schen für Ange­hö­rige mög­lich, den Fried­hof nach Anmel­dung zu besu­chen; die Stadt New York bezahlt sogar die Umbet­tung, wenn Ange­hö­rige das möch­ten, und es gibt Pläne, den Fried­hof dau­er­haft für die Öffent­lich­keit zu öff­nen. Inter­es­sant in die­sem Zusam­men­hang ist übri­gens auch, dass (schlecht bezahlte) Straf­ge­fan­gene einer nahen Gefäng­nis­in­sel als Toten­grä­ber ein­ge­setzt wer­den. Inzwi­schen soll aber eine pri­vate Land­schafts­bau­firma mit der Durch­füh­rung der Beer­di­gun­gen beauf­tragt wor­den sein.

      Nichts­des­to­trotz ist es sehr inter­es­sant, sich auf der Web­site des Pro­jekts ein­mal durch einige der Grä­ber „hin­durch­zu­kli­cken“, beson­ders dann, wenn sich Daten über die Toten fin­den lie­ßen. Ich bin zufäl­lig auf die Leben von einem deut­schen und einem rumä­ni­schen Migran­ten gesto­ßen, die jeweils Mitte der 1920er-Jahre in die USA ein­ge­wan­dert waren, und auf eine Frau, die mit 36 Jah­ren gestor­ben ist.

      PS: Danke übri­gens für den Kom­men­tar; inter­es­sant, dass noch jemand auf sol­che rela­tiv alten Bei­träge kommt!

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