Föderal oder föderativ?

Fragezeichen

Zur­zeit kann man es häu­fig hören oder lesen, wenn über die Bun­des­re­pu­blik als föde­ra­les Sys­tem gespro­chen wird. Doch heißt es nun föde­ral oder föde­ra­tiv? Außer­dem machen wir einen kur­zen Abste­cher ins Grundgesetz.

Im Zuge der Corona-Krise dis­ku­tie­ren wir im Zusam­men­hang mit dem Föde­ra­lis­mus in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land häu­fig über die Vor- und Nach­teile die­ses Sys­tems. Unter­schied­li­che Bundes­länder haben unter­schied­li­che Maß­nah­men ergrif­fen, um die Pan­de­mie zu bekämp­fen, was mit­un­ter selt­same Fol­gen hat. Was hier erlaubt bzw. nicht erlaubt ist, kann nur etwas wei­ter ganz anders aussehen.

Doch das soll uns hier nicht inter­es­sie­ren. Die Föde­ra­tion betref­fend, heißt es nun föde­ral oder föderativ?

Föderal oder föderativ?

Um eines kurz vor­weg­zu­neh­men: Die bei­den Adjek­tive „föde­ral“ und „föde­ra­tiv“ sind Syn­onyme. Aller­dings benut­zen wir sie unterschied­lich und unter­schied­lich häu­fig: Die Vari­ante „föde­ral“ hat in die­sem Zusam­men­hang dem Wort „föde­ra­tiv“ den Rang abgelaufen.

Föderal

Wenn wir von Deutsch­land als Bun­des­staat mit der Auf­tei­lung in ein­zelne Bun­des­län­der mit eige­nen Kom­pe­ten­zen spre­chen, spre­chen wir von „föde­ral“:

Die föde­ral auf­ge­baute Bun­des­re­pu­blik besteht aus 16 Glied­staa­ten, offi­zi­ell als Län­der (Bun­des­län­der) bezeichnet.

Die ange­spro­che­nen Nach­teile die­ses Sys­tem sind föde­ra­ler Art:

das föde­rale Chaos
die Schwä­che des föde­ra­len Systems

Föderativ

Tun wir dies all­ge­mein, also im Hin­blick auf eine Föde­ra­tion oder eine Föde­ra­tion betref­fend, benut­zen wir „föde­ra­tiv“:

Die Bun­des­re­pu­blik ist ein föde­ra­ti­ves System.

„Föde­ra­tiv“ stammt, wie man sich den­ken kann, aus dem Fran­zö­si­schen. Das fran­zö­si­sche fédé­ra­tif wurde zu latei­nisch foe­de­r­a­tus (ver­bün­det). Es bedeu­tet „auf einer Föde­ra­tion beru­hend, eine Föde­ra­tion betref­fend“ oder auch schlicht „bun­des­mä­ßig“.

Föderalismus im Grundgesetz

In Deutsch­land ist die föde­ra­tive Ord­nung das Ergeb­nis eines lan­gen his­to­ri­schen Pro­zes­ses, der bis auf das föde­rale Erbe frü­he­rer staat­licher oder staats­ähn­li­cher Ein­hei­ten und orga­ni­sier­ter Bünd­nisse zurück­geht. (Man beachte die unter­schied­li­che Ver­wen­dung der bei­den Adjektive!)

Im Grund­ge­setz (GG) für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist der Föde­ra­lis­mus als poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­ons­form übri­gens fest­geschrieben. Schon die Prä­am­bel bringt zum Aus­druck, dass die Bun­des­re­pu­blik aus meh­re­ren Glied­staa­ten besteht. In Arti­kel 20 Absatz 1 GG wird die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land aus­drück­lich als Bun­des­staat kon­sti­tu­iert, Arti­kel 30 betont schließ­lich die Eigen­staatlichkeit der Län­der. Ins­be­son­dere ihre Kul­tur­ho­heit ist das Kern­stück die­ser Eigen­staat­lich­keit. (Siehe hierzu den Abschnitt „Föde­ra­lis­mus im Grund­ge­setz“ im Wiki­pe­dia-Arti­kel „Föde­ra­lis­mus in Deutsch­land“!)

Und eben diese jewei­lige Kul­tur­ho­heit mag, um zum Anfang zurück­zukehren, die unter­schied­li­chen Maß­nah­men durch­aus erklären!

Und die­ser Bei­trag hof­fent­lich auch, wann wir von „föde­ral“ oder „föde­ra­tiv“ spre­chen. Aller­dings hof­fen wir auch sehr, dass Sie die Unter­schiede nicht als „Haar­spal­te­rei“ emp­fin­den, wie dies man­che Kom­men­ta­to­ren (weni­ger die Kom­men­ta­to­rin­nen) im Bei­trag über gram­ma­ti­sche oder gram­ma­ti­ka­li­sche Rich­tig­keit ausdrückten!

Ronald M. Filkas
Gelernter Schriftsetzer im Handsatz, Studium der Germanistik, zertifiziert abgeschlossene Fortbildungen „Web-Publishing Schwerpunkt DTP“ und Online-Redaktion, langjährige Erfahrungen als Schriftsetzer/ DTP-Fachkraft und als Korrektor und Lektor in Druckereien, Redaktionen und Verlagen. Mehr? Seite „Über mich“!

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