Esperanto: die (verhinderte) Weltsprache

sprechblase

Wenn alle Men­schen eine gemein­same Spra­che sprä­chen, wür­den sie sich bes­ser ver­ste­hen und keine Kriege füh­ren. Das war sein Gedanke, als Lud­wik Zamen­hof die Plan­spra­che Espe­ranto erfand. Doch deren Ver­brei­tung wird immer wie­der verhindert.

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Lud­wik Lej­zer Zamen­hof mit grü­nem Espe­ranto-Stern, 1908

Lud­wik Lej­zer Zamen­hof, ein pol­nisch-jüdi­scher Augen­arzt, wird 1859 in Białys­tok gebo­ren, das damals zum zaris­ti­schen Russ­land gehört. Er wächst in einer viel­spra­chi­gen und, wie man heute sagen würde: mul­ti­kul­tu­rel­len Umge­bung auf. Seine Fami­lie spricht Rus­sisch und Jid­disch; in der Stadt wird aber auch Pol­nisch, Ukrai­nisch, Litau­isch, Bela­rus­sisch und Deutsch gespro­chen. Jedoch bil­de­ten sich Ghetto-artige Struk­tu­ren; es gab kör­per­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen und Pogrome. Die inter­eth­ni­schen Kon­flikte wollte er durch eine inter­na­tio­nale Spra­che lösen helfen.

Zamenhof, der Begründer des Esperanto

Gebo­ren als Elie­zer Levi Samen­hof, in Deutsch auch Lud­wig Laza­rus Samen­hof oder Lud­wig L. Zamen­hof, sprach neben Rus­sisch und Jid­disch auch flie­ßend Deutsch, zudem Pol­nisch und Fran­zö­sisch. In der Schule lernte er Grie­chisch, Latein und Eng­lisch. Außer­dem muss er Hebrä­isch gut beherrscht haben, denn er über­setzte spä­ter das Alte Tes­ta­ment ins Esperanto.

Unua libro per russi - 1887 - 1a edizione - copertina fronte
Der Umschlag der ers­ten (rus­si­schen) Aus­gabe der Bro­schüre (Iro­kraft über Wiki­me­dia Commons)

Unter sei­nem Pseud­onym „Dok­toro Espe­ranto“ (deutsch: Dok­tor Hof­fen­der; der­je­nige, der hofft) begrün­dete Zamen­hof 1887 die Plan­spra­che Espe­ranto, indem er ein ers­tes Lehr­buch ver­öf­fent­lichte: eine mini­ma­lis­ti­sche Struk­tur der Spra­che, die er Inter­na­cia Lingvo, Inter­na­tio­nale Spra­che, nennt. Das „Unua Libro“, das „Erste Bucħ“, erschien am 26. Juli 1887 in War­schau auf Rus­sisch. Bereits im sel­ben Jahr folg­ten Über­set­zun­gen auf Pol­nisch, Deutsch und Fran­zö­sisch. Die 40-sei­tige Bro­schüre ent­hält neben den „16 Regeln“ (der gram­ma­ti­schen Skizze) und einer Wör­ter­liste mit etwas über 900 Wort­stäm­men der Spra­che auch das Vater­un­ser, den Anfang der Gene­sis, einen Mus­ter­brief, zwei sei­ner Gedichte und Aus­züge aus Gedich­ten von Hein­rich Heine als Beispieltexte.

Neben der Gram­ma­tik für Espe­ranto ver­fasste er auch eine für das Jid­di­sche. Sei­nen Geburts­tag, den 15. Dezem­ber, fei­ern Espe­ranto-Spre­cher/-innen bis heute als Zamenhoftag.

Die Plansprache Esperanto

Ziel war es, dass die Spra­che „sehr leicht sein [muss], so dass sie jeder so zu sagen spie­lend erler­nen kann“. Zudem galt es

[e]in Mit­tel zu fin­den die Gleich­gül­tig­keit der Welt zu über­win­den, und die­selbe zu ermun­tern sofort und ‚en masse‘ von die­ser Spra­che, als von einer leben­den Spra­che, Gebrauch zu machen, nicht aber nur mit einem Schlüs­sel dazu in der Hand, oder nur im äus­sers­ten Noth­falle. (Siehe zur Quelle den Ver­weis zur Öster­rei­chi­schen Natio­nal­bi­blio­thek unter „Wei­tere Verweise“!)

Das erste Ziel soll durch fol­gende Mit­tel erreicht werden:

  • Die Schreib­weise ist pho­n­e­ma­tisch. Jeder Buch­stabe hat nur eine Aussprache.
  • Es gibt (nicht wie im Deut­schen: der Löf­fel, die Gabel, das Mes­ser) kein gram­ma­ti­sches Geschlecht.
  • Es gibt nur eine Deklination.
  • Es gibt nur eine Konjugation.
  • Die Spra­che ist agglu­ti­nie­rend, d. h. alle Wort­stämme blei­ben bei Kon­ju­ga­tion und Dekli­na­tion unverändert.
  • Es gibt nur sehr wenige gram­ma­ti­sche Regeln und diese gel­ten ohne Ausnahmen.

Espe­ranto setzt sich zu etwa 75 Pro­zent aus roma­ni­schen Spra­chen zusam­men, 20 Pro­zent ist ger­ma­ni­schen Ursprungs und der Rest stammt aus ver­schie­de­nen, haupt­säch­lich sla­wi­schen Spra­chen. Ver­wen­det wer­den latei­ni­sche Buchstaben.

Die Entwicklung des Esperanto bis heute

Flag of Esperanto
La flago de la neŭ­trala inter­na­cia lingvo Espe­ranto kaj la movado aso­ciata kun ĝi (Gabriel Ehrnst GRUNDIN über Wiki­me­dia Commons)

Das Espe­ranto-Lehr­buch ver­brei­tet sich schnell. Die Ler­nen­den stam­men aus der Arbei­ter­schaft, dem libe­ra­len Bür­ger­tum, aus anar­chis­ti­schen und pazi­fis­ti­schen Krei­sen. In Ost­eu­ropa, Deutsch­land, Frank­reich, Japan und China wer­den erste Ver­eine gegrün­det. Im August 1905 fand in Bou­lo­gne-sur-Mer der erste inter­na­tio­nale Espe­ranto-Welt­kon­gress statt. Gan­dhi, Tol­stoi und viele wei­tere unter­stüt­zen die Spra­che als Bei­trag zum Welt­frie­den. Seit­dem fin­det jedes Jahr ein sol­cher an einem ande­ren Ort statt. 1908 grün­dete sich der Uni­ver­sala Espe­ranto-Aso­cio (UEA), der Esperanto-Weltbund.

Vor fast genau 100 Jah­ren schließ­lich, am 18. April 1922, fand in Genf eine Kon­fe­renz des Völ­ker­bun­des zum Thema Espe­ranto statt. Wenige Jahre nach dem fürch­ter­li­chen Erleb­nis des Ers­ten Welt­kriegs dis­ku­tie­ren des­sen Mit­glie­der dar­über, ob es als Spra­che des Völ­ker­bun­des und als Schul­fach ein­ge­führt wer­den soll. Doch die noch rela­tiv junge Plan­spra­che kommt gegen die „gewach­se­nen“ und ver­brei­te­ten natür­li­chen Spra­chen Eng­lisch und Fran­zö­sisch nicht an. Zudem wird sie spä­ter im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land als „jüdisch-bol­sche­wis­tisch“ und in der Sowjet­union der Sta­lin-Ära als „aus­län­disch“ ver­bo­ten, deren Spre­chende gar ver­folgt, in Straf­la­ger gezwun­gen oder gleich ermordet.

Trotz­dem ist Espe­ranto bis heute nicht ver­schwun­den. Schrift­lich und münd­lich ver­wen­den es schät­zungs­weise zwi­schen einer hal­ben und 2 Mil­lio­nen Spre­cher/-innen welt­weit. Es ist damit die am wei­tes­ten ver­brei­tete Plansprache.

Weitere Verweise

Ronald M. Filkas
Gelernter Schriftsetzer im Handsatz, Studium der Germanistik, zertifiziert abgeschlossene Fortbildungen „Web-Publishing Schwerpunkt DTP“ und Online-Redaktion, langjährige Erfahrungen als Schriftsetzer/ DTP-Fachkraft und als Korrektor und Lektor in Druckereien, Redaktionen und Verlagen. Mehr? Seite „Über mich“!

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