Bist du meschugge?

Aufgeschlagenes Buch

Wir haben mehr jiddische Wörter in der deutschen Sprache, als wir denken! Beispiele? Ein interessantes Buch von Christoph Gutknecht spürt sie auf. Eine Literaturempfehlung.

Jiddische Wörter sind weiter verbreitet, als es viele vermuten würden. Wenn wir an Fremdwörter in der deutschen Sprache denken, so fallen uns vor allem Anglizismen ein, die, ob wir es wollen oder nicht – und es gibt viele, die sich daran stoßen, vor allem dann, wenn sie vermeidbar sind! –, in unser tägliches Leben Einzug gehalten haben. Doch Jiddismen benutzen wir meist selbstverständlich, ohne dass wir uns über deren Ursprung Gedanken machen.

Bei dem im Titel verwendeten „meschugge“ haben wir eine solche Herkunft wenn nicht schon gewusst, so doch wenigstens geahnt; es stammt aber eigentlich aus dem Hebräischen. Ebenso verhält es sich mit „Tacheles“, das sich aus der hebräischen „Vollendung“ zum deutschen „Klartext“ wandelte, und „Tinnef“: aus dem hebräischen „Kot“ wurde der deutsche „Schund“. Mit dem „Gauner“ wird es dagegen schon etwas schwieriger, da es sich aus dem hebräischen yạwạn für die Ionier gebildet hat. Der Gauner war also ursprünglich ein Grieche!

Dass Sie dieses Wissen „für lau“ bekommen, darf Sie freuen, denn Sie bekommen es umsonst, was auch das originale jiddische Wort dafür bedeutete. Das laue Lüftchen hingegen leitet sich aus dem mittelhochdeutschen bzw. dem althochdeutschen lāo für „warm“ ab — die allerdings eine Ähnlichkeit mit dem jiddischen lo für „nichts“ oder „ohne“ aufweisen!

Wussten Sie, dass das Wort „jiddisch“ selbst eine Kurzform für „jiddisch-daitsch“, also für „jüdisch-deutsch“ ist? Die jiddische Sprache ist nämlich eine rund tausend Jahre alte Sprache, die von den aschkenasischen Juden (die mittel-, nord- und osteuropäischen Juden und ihre Nachfahren) in weiten Teilen Europas gesprochen und geschrieben wurde und teilweise bis heute gesprochen und geschrieben wird, weil sie die größte Gruppe im heutigen Judentum bilden. Haupteinfallstore für die Jiddismen waren vor allem Wien und Berlin.

Geht es Ihnen nun mies? Grund dazu hätten Sie, wenn Sie glauben, dass „mies“ auf das lateinische miseria zurückgeht, wandelte es sich doch vom hebräischen mĕ’is über das jiddische mis mit den Bedeutungen „schlecht“ oder „verächtlich“ schließlich zur uns heute bekannten!

Der Anglist, Germanist, Linguist, Sachbuchautor und, man staune, Synchronsprecher Christoph Gutknecht hat über jiddische Wörter in der deutschen Sprache ein Buch verfasst, das sich sehr locker liest, weil es durchaus humorvoll verfasst wurde: „Gauner, Großkotz, kesse Lola — Deutsch-jiddische Wortgeschichten“, Berlin 2016. Siehe zum Beitrag auch die Liste der deutschen Wörter aus dem Hebräischen und Jiddischen bei Wikipedia!

Ronald M. Filkas

Gelernter Schriftsetzer im Handsatz, Studium der Germanistik, zertifiziert abgeschlossene Fortbildungen „Web-Publishing Schwerpunkt DTP“ und Online-Redaktion, langjährige Erfahrungen als Schriftsetzer/ DTP-Fachkraft und als Korrektor und Lektor in Druckereien, Redaktionen und Verlagen. Mehr? Seite „Über mich“!

5 Kommentare

  1. Den Beitrag über das Jiddische in der deutschen Sprache finde ich interessant. J. soll leicht erlernbar oder verständlich sein. Leider habe ich noch nie einen Text auf jiddisch gehört oder gelesen.

    1. Nun, ob es leicht verständlich ist, möchte ich bezweifeln. Ich habe schon öfter jiddisch sprechende Juden, bei denen es sich fast immer um orthodoxe Juden handelte, unter sich sprechen gehört, aber allenfalls einzelne Wörter herausgehört, die ich verstehen konnte. Gleiches gilt übrigens auch für Umschriften (Transkriptionen) des Jiddischen. Im sehr umfangreichen Wikipedia-Artikel gibt es ein Lesebeispiel, an dem du dich ja einmal versuchen kannst.

      Aber vielen Dank für den Kommentar! Habe übrigens gerade noch in meinen Artikel selbst einen Verweis auf eine Liste deutscher Worte aus dem Hebräischen und Jiddischen hinzugefügt.

  2. Wenn es nicht zu schnell (und diese Bedingung wird nur selten erfüllt) gesprochen wird, kann man ganz gut folgen. Auf Youtube findet man einige Jiddische Witze (zB erzählt von Fritz Muliar) und einiges an Liedgut – meist entweder lustig oder traurig.
    Zum angeführten Beispiel „mies“: Wenn ich mich nicht irre, ist das Jiddisch doch verwandt mit dem oder doch stark beeinflusst vom Mittelhochdeutschen. Ohne jetzt dem genau nachgehen zu wollen, sehe ich doch eine „Wandermöglichkeit“ des Wortes aus einem lateinischen Ursprung.

    1. Dass das Jiddische eine aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangene Sprache ist, die mit hebräischen, aramäischen, romanischen, slawischen und weiteren Sprachelementen angereichert wurde, gilt als sicher. Keineswegs sicher ist jedoch die lateinische Herkunft von „mies“, auch wenn die klangliche Ähnlichkeit mit der lateinischen miseria, der Misere, dies nahelegen mag.

      Was den jüdischen Witz anbelangt: Ich habe letztens öfter Sendungen im Radio gehört, die sich unter Verwendung von reichlich Beispielen mit ihm beschäftigten. Das Interessante am jüdischen Humor ist die hervorragende Eigenschaft, sich über sich selbst (als Jude) lustig machen zu können – eine Eigenschaft, die leider vielen von uns abgeht.

      Danke für Ihren Kommentar!

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