Der 8. Mai: Befreiung oder Niederlage?

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In vielen Ländern ist der 8. Mai ein Feiertag, nur in Deutschland tut man sich schwer mit diesem Tag. Ist der 8. Mai nun ein Tag zum Gedenken an Befreiung oder Niederlage? Gar ein Tag der Scham und der Kapitulation? Oder einfach nur der Tag des Kriegsendes?

Der 8. Mai ist als Tag der Befreiung in verschiedenen europäischen und außereuropäischen Ländern ein Gedenk- und Feiertag. Es ist der Jahrestag des 8. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und damit dem Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa. Zusätzlich wird der Befreiung vom Nationalsozialismus gedacht.

Die bedingungslose Kapitulation

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Generaloberst Jodl, von Reichspräsident Dönitz dazu autorisiert, unterzeichnet am 7. Mai 1945 im Hauptquartier der Alliierten in Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht (Unbekannter Fotograf/ PD-USGov-Military-Army über Wikipedia Commons)

Bei den Verhandlungen im Hauptquartier der alliierten Streitkräfte (SHAEF) in Reims wurde am 7. Mai die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte vereinbart und vertraglich unterzeichnet. Als Zeitpunkt für die Einstellung aller Kampfhandlungen in Europa wurde der folgende Tag, der 8. Mai, 23.01 Uhr, festgelegt.

Der 8. Mai wird in vielen Ländern teilweise als stiller Gedenktag und teilweise als Feiertag mit großer öffentlicher Beteiligung begangen. In der Bundesrepublik Deutschland hat sich für diesen Jahrestag allgemein der nüchtern-sachliche Begriff „Kriegsende“ eingebürgert.

Der 8. Mai als Gedenk- und Feiertag

Der Bevrijdingsdag in den Niederlanden

Intocht van het Canadese 1e Leger in de provincie Utrecht, Bestanddeelnr 900-2770
Die Befreiung von Utrecht durch Soldaten der First Canadian Army am 7. Mai 1945 (Unbekannter Fotograf/ Anefo über Wikimedia Commons)

In den Niederlanden wird der Bevrijdingsdag schon am 5. Mai begangen. Bereits am Vorabend, am 4. Mai, findet mit einer feierlichen Kranzniederlegung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs die Dodenherdenking statt. Am 5. Mai 1945 verhandelten der kanadische General Charles Foulkes und der deutsche Oberbefehlshaber Johannes Blaskowitz im Beisein von Prinz Bernhard als Kommandant der niederländischen Streitkräfte in den Ruinen eines weitgehend zerbombten Hotels in Wageningen über die Kapitulation der Wehrmacht in dem noch besetzten Teil der Niederlande. Am 6. Mai 1945 schließlich wurden die vorbereiteten Bedingungen der Kapitulation für das Gebiet des „Reichskommissariats Niederlande“ unterzeichnet.

Weitere Länder

Auch in weiteren am Zweiten Weltkrieg beteiligten Staaten wird der Jahrestag des Kriegsendes in Europa als Feiertag begangen, so in Frankreich, Tschechien und der Slowakei. In der Sowjetunion wurde der 9. Mai als Tag des Sieges als gesetzlicher Feiertag begangen. Aufgrund unterschiedlicher Zeitzonen erfolgte die Kapitulation gegenüber der Roten Armee erst nach Mitternacht MEZ und der Waffenstillstand trat so nach Moskauer Zeit (UTC+3) erst am 9. Mai in Kraft. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde der 9. Mai als „Tag des Sieges“ in einigen ihrer Nachfolgestaaten als gesetzlicher Feiertag beibehalten.

Partigiani sfilano su automezzi a Bologna
Italienische Partisanen am 21. April 1945 in Bologna (Unbekannter Fotograf/ Wikimedia Commons)

In Italien wird der Tag der Befreiung Italiens schon am 25. April begangen. Am 25. April 1945 begannen im Norden mehrere bewaffnete Aufstände, die nicht nur den Vormarsch der Alliierten begünstigten, sondern auch, dass Städte wie Genua und Mailand ohne die Alliierten befreit werden konnten. Der Feiertag hat dort einen ähnlichen Stellenwert wie der italienische Nationalfeiertag. In Frankreich nehmen allerdings die Gedenkfeiern zum Ende des Ersten Weltkriegs einen höheren Stellenwert gegenüber denen zum Ende des Zweiten Weltkriegs ein.

Das Kürzel VE-Day (Victory in Europe Day, der „Sieg-in-Europa-Tag“) ist in den USA sowie den drei Commonwealth-Staaten Vereinigtes Königreich, Kanada und Australien üblich.

Der 8. Mai in Deutschland: Befreiung oder Niederlage?

Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg

Nur in Deutschland tut man sich schwer mit einer „offiziellen“ Gedenkweise. Unmittelbar nach Ende des Krieges überwogen Verdrängung, aber auch reale materielle Not und der Wunsch nach raschem Wiederaufbau das Leben. Lediglich eine relativ geringe Anzahl der Menschen fühlte sich „befreit“. Dieser Tag bot deswegen lange Zeit keinen Bezugspunkt für eine Erinnerungspolitik und erfuhr auch sonst wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Er war noch lange ein Tag der Niederlage, der Kapitulation, der Katastrophe, gar der Demütigung, der Schmach. Vor allem für die Nazis selbst konnte dieser Tag natürlich keine Befreiung sein! Für sie war (und ist!) er ein Tag der Niederlage.

Die Sechzigerjahre

Mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus durch die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt am Main, den Eichmann-Prozess in Jerusalem, die „68-er” mit ihren Fragen nach der Nazi-Vergangenheit von (Groß)eltern und Professoren und die Filme der „Holocaust“-Serie fand in Westdeutschland ein Umdenken statt.

Die Siebziger- und Achtzigerjahre

Nachdem der 8. Mai über viele Jahre kein Bezugspunkt in der Erinnerungspolitik war und auch ansonsten wenig öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr, änderte sich dies am 8. Mai 1970 anlässlich des 25. Jahrestages. An diesem Tag gab die sozial-liberale Koalition unter Willy Brandt als erste Bundesregierung eine offizielle Regierungserklärung im Deutschen Bundestag ab. Vertreter der CDU/CSU-Opposition versuchten dies zu verhindern und erklärten:

Niederlagen feiert man nicht

und

Schande und Schuld verdienen keine Würdigung.

In den 1970er-Jahren verstärkte sich die Aufmerksamkeit für den 8. Mai als politischem Gedenktag jedoch deutlich, doch es dauerte noch bis zum 40. Jahrestag, dem 8. Mai 1985, als der Deutsche Bundestag eine Gedenkstunde auf hohem protokollarischem Niveau veranstaltete. In deren Zuge bezeichnete Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) in seiner Rede den 8. Mai zwar als

Tag der Befreiung […] von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Er sei aber „kein Tag zum Feiern“.

Seit dieser Zeit wurde in der Bundesrepublik verstärkt darüber diskutiert, wofür der 8. Mai 1945 steht. Befreiung oder Niederlage? Während in der Nachkriegszeit der Aspekt der Niederlage im Vordergrund stand, hat der Aspekt der Befreiung zunehmend an Gewicht gewonnen. Allerdings haben die Alliierten historisch nicht gegen das Deutsche Reich Krieg geführt, um es zu befreien, sondern um es militärisch zu besiegen! Befreit im Wortsinne durch alliierte Truppen wurden „lediglich“ Hunderttausende aus politischen, rassischen, religiösen und vielen anderen Gründen Gefangene in Zuchthäusern, Konzentrations- und Vernichtungslagern sowie Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene.

Das Jahr 2000: „Der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung“

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sagte am 8. Mai 2000 schließlich:

Niemand bestreitet heute mehr ernsthaft, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung gewesen ist – der Befreiung von nationalsozialistischer Herrschaft, von Völkermord und dem Grauen des Krieges.

Das Jahr 2020

Auch am heutigen 8. Mai, der sich zum 75. Mal wiederholt, gibt es noch immer keine Anstalten, diesen Tag zu einem nationalen Gedenk- und Feiertag zu machen.

Der 8. Mai: Befreiung oder Niederlage?

In einem Großteil der heutigen Gesellschaft dürfte der Konsens vorherrschen, dass der 8. Mai ein Tag der Befreiung ist. Wer von einem Tag der Niederlage spricht, glaubt ernsthaft, dass Nazi-Deutschland einen wie auch immer „berechtigten“ Krieg führte. Wer diesen Tag als einen Tag der Schmach sieht, sollte die Schmach eher darin suchen, nichts gegen ein verbrecherisches Regime getan zu haben, das bis zuletzt noch Kinder in einen Krieg schicken musste, der doch längst verloren war. Abgesehen von der Tatsache, dass die Führungsriege sich nur durch die Schmach des Selbstmords aus der „Affäre“ zu ziehen wusste!

Einen Tag der Demütigung kann nur sehen, wer die Demütigungen nicht wahrhaben will oder wollte, die das Deutsche Reich seinen Gegnern angetan hatte, sei es im Inneren oder im Äußeren. Eine (selbst verschuldete!) Katastrophe war nicht der 8. Mai 1945, sondern das, was all die Jahre zuvor geschah und zu dieser Katastrophe mit Millionen von Toten führte.

Bleiben wir also beim Tag der Befreiung!

Weitere Verweise

Ronald M. Filkas
Gelernter Schriftsetzer im Handsatz, Studium der Germanistik, zertifiziert abgeschlossene Fortbildungen „Web-Publishing Schwerpunkt DTP“ und Online-Redaktion, langjährige Erfahrungen als Schriftsetzer/ DTP-Fachkraft und als Korrektor und Lektor in Druckereien, Redaktionen und Verlagen. Mehr? Seite „Über mich“!

1 Kommentar

  1. Die einzige Niederlage fürs deutsche Volk war die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch Paul Hindenburg mit all den schlimmen Folgen, wie die Umwandlung der parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik in eine Diktatur und vor allem das unermessliche Leid, das Millionen von Menschen durch die Nazis zugefügt worden ist. Die Befreiung vom Nazi-Terror durch die Alliierten sollte man ganz sicher nicht als Niederlage ansehen, sondern diesen Tag, der wieder eine Demokratie ermöglicht hat, zum Feiertag machen, dem kann ich nur zustimmen.

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