Seit Kurzem wissen wir es: Es sind inzwischen mehr Bots als Menschen im WWW unterwegs. Was Bedeutet das für uns Menschen, die Inhalte ins WWW stellen? Besonders also auch für Bloggerinnen und Blogger?
Er hatte sich nur um wenige Monate verrechnet. Matthew Prince, Chef des IT-Sicherheitsunternehmens Cloudflare, sagte die Bot-Übernahme erst für Ende, dann für Anfang 2027 voraus. Er macht dafür vor allem den Anstieg von agentic traffic verantwortlich. Also Abrufe durch KI-Agenten, also durch Bots.
Mehr Bots als Menschen im WWW unterwegs
Vor mehreren Monaten fiel mir auf, dass diese Seiten vermehrte aus fernen Ländern aufgerufen wurden, die in völlig anderen Sprachregionen liegen. Auch aus Regionen mit völlig anderen Zeichensystemen. Und völlig anderen Interessen! So zunächst aus China. Als die Chinesen sich sattgesehen bzw. ‑gelesen hatten, kamen danach vermehrte Aufrufe aus den USA. Schließlich aus Hongkong, Singapur, aber z. B. auch aus Frankreich.
Exkurs: Was sind Bots?
Der Begriff „Bot“ ist vom englischen Begriff robot, übersetzt „Roboter“, abgeleitet. Bots sind Computerprogramme, die nach ihrer Aktivierung ohne menschliches Zutun automatisiert im Internet agieren. Zurzeit sind dies in großem Umfang Bots, also Bots, die Entwickler/-innen von Künstlicher Intelligenz (KI, im Englischen AI für Artificial Intelligence), einsetzen, um im WWW Trainingsdaten für diese zu suchen.
Und inzwischen übersteigen diese den menschlichen traffic, also von Seitenaufrufen von Websites aller Art.
Weiterleitungen von gesicherten auf ungesicherte Websites

Weiterhin fiel mir ein sprunghafter Anstieg von durch Weiterleitungen erzeugte Zugriffe auf meine Seiten durch Bots, aber auch durch Privatpersonen auf, die auf ungesicherte statt auf die gesicherten Verbindungen zugriffen. Also auf etwa http:ronaldfilkas.de/weblog statt auf https:ronaldfilkas.de/weblog.
Eine gesicherte, also verschlüsselte Verbindung, zeigt Ihnen Ihr Browser durch das Schlosssymbol in der Adressleiste an. Über den Zweck, der damit verfolgt werden soll, rätsele ich allerdings heute noch. Möglicherweise sind dadurch illegale Kopien ganzer Webseiten entstanden, die sich für KI-Bots besser auswerten lassen.
Ganze Antiquariate leergekauft

Doch nicht nur Inhalte im WWW interessieren diese KI-Bots. „Menschliche“ Beiträge und frei verfügbare Inhalte im WWW sind oft fehlerhaft. Deswegen greifen sie nun offenbar vermehrt auf gedruckte Werke zurück. Inzwischen mehren sich Meldungen, nach denen KI-Unternehmen bzw. ihre Agenten ganze Antiquariate leerkaufen! Was für die Antiquare einen wirtschaftlichen Segen darstellt, ist für die Bücher ein barbarischer Akt. Sie werden nämlich aufgeschnitten, gescannt und danach massenweise geschreddert!
(Siehe hierzu tagesschau.de: „Firmen kaufen offenbar Antiquariate leer – Buchhändler alarmiert“ vom 8. Juli 2026, hessenschau.de: „US-Konzerne kaufen massenhaft Bücher in Hessen für KI: Die Branche schlägt Alarm“ vom 8. August 2026 und hr2-kultur, kompakt: „RIP Buchrücken? Wie KI von analogem Wissen profitiert“ vom 8. August 2026)
KI-Bots machen sich selbstständig
Gleichzeitig mehren sich Meldungen darüber, dass es mehrere Zwischenfälle gab, während denen KI-Bote ihre Testumgebung verlassen und sich „selbstständig“ gemacht haben. So etwa im Deutschlandfunk: „Künstliche Intelligenz::KI-Modell von OpenAI startet selbstständig Cyberangriff“ vom 22. Juli 2026 und auf tagesschau.de: „Bei Testläufen: Anthropic-KI greift eigenständig Unternehmen an“ vom 31. Juli 2026.
KI-Entwickler wirft hin

Einige können sich vielleicht noch an den Fall Geoffrey Hinton aus dem Jahr 2023 erinnern. Geoffrey Hinton, Pionier bei der Forschung zu Künstlicher Intelligenz, arbeitete für Google an der Weiterentwicklung von KI-Anwendungen. Um besser auf die Risiken des Technologiesprungs der vergangenen Jahre aufmerksam machen zu können, kündigte er bei Google. Die Gefahren im Zusammenhang mit KI seien vielfältig und gleichzeitig kaum zu überblicken, sagte Hinton. Es gehe um „ernste Risiken für die Gesellschaft und für die Menschheit“. Der harte Wettbewerb bringe die Technologieunternehmen dazu, „in einem gefährlichen Tempo“ immer neue KI zu entwickeln.
Auch er hatte sich zeitlich verschätzt. Zuvor war Hinton der Meinung, dass die künstliche allgemeine Intelligenz (AGI) noch „30 bis 50 Jahre oder sogar noch länger entfernt“ sei. In einem Interview erklärte er jedoch, dass die AGI weniger als 20 Jahre entfernt sein und Veränderungen bewirken könnte, „die in ihrem Ausmaß mit der industriellen Revolution oder der Elektrizität vergleichbar“ seien. Die KI könne bald die Informationskapazität des menschlichen Gehirns übertreffen. Einige der von Chatbots ausgehenden Risiken bezeichnete er als „ziemlich beängstigend“.
(Siehe hierzu tagesschau.de: „Früherer Google-Entwickler warnt vor Risiken Künstlicher Intelligenz” vom 2. Mai 2023 und all-ai.de: „Geoffrey Hinton: Von der KI-Hoffnung zum KI-Kritiker” vom 16. Oktober 2024)
Chatbot treibt Mann in Suizid
Passt diese Meldung nicht nicht wunderbar, wenngleich auch auf makabere Weise, zu dem, vor was uns Hinton warnte: heise online: „Wahnbeziehung zu KI-Chatbot: Vater verklagt Google nach Suizid seines Sohnes“ vom 5. März 2026? Wobei es sich bei diesem Suizid mitnichten um einen Einzelfall handelte und handelt. Menschen mit psychischen Problemen seien dringend vor dem Gebrauch von KI-Chatbots gewarnt!
(Siehe hierzu den in Englisch gehalten Vortrag von Darja Djordjevic zum Thema „Between a Bot and a Hard Place: Child Development and Youth Mental Health in the Age of AI“!)
Mal ganz nebenbei gefragt: Wie steht es eigentlich um die Umwelt?
Wussten Sie, dass Rechenzentren im letzten Jahr 22 Prozent des Stroms in Irland verbraucht haben? Mehr als alle städtischen Haushalte in Irland zusammen? Und dass wir alle dafür zahlen und künftig noch mehr zahlen? Der Strombedarf für unsere Haushalte und Unternehmen steigt schneller, als wir mithalten können. Selbst Stromversorger haben eingeräumt, dass einer der Hauptgründe dafür das rasante Tempo ist, mit dem neue Rechenzentren entstehen. Und die EU will sieben riesige KI-Rechenzentren in ganz Europa mit mehreren Milliarden Euro finanzieren.
Dass ein großes Rechenzentrum bis zu 18,9 Millionen Liter Wasser pro Tag verbrauchen kann? Das reicht für den gesamten Wasserbedarf aller Haushalte in Gent, Belgien!
Dass sich der größte Rechenzentrumskomplex Europas in Cardiff, Wales, befindet? Die Fläche beträgt unglaubliche 185.000 m²! Das sind 25 Fußballfelder!
Dass nach Lobbyarbeit bei der EU-Kommission die von Microsoft vorgeschlagenen Änderungen fast Wort für Wort in einen EU-Gesetzentwurf einflossen? Dieser sieht vor, dass es für Rechenzentren erlaubt sein soll, ihre gesamten Emissionen und ihren Wasserverbrauch nicht vollständig angeben zu müssen.
(Siehe hierzu das Quiz von WeMove Europe: Testen Sie Ihr Wissen über Rechenzentren!)
Zurück zum Thema: Mehr Bots als Menschen im WWW unterwegs
Um einem möglichen Missverständnis, das beim bisherigen Lesen dieses Beitrags aufgekommen sein mag, vorzubeugen: Es geht hier nicht darum, KI abzulehnen! Wer (oder was!) informiert Sie z. B. darüber, dass es aktuellere Versionen für die Anwendungen gibt, mit denen Sie Ihre Website oder Ihr Weblog betreiben? Oder für Ihren PC im Allgemeinen?
Wenn wir händisch danach suchen müssten, wäre das WWW vermutlich ein völlig virenverseuchter Ort!
Exkurs: Menschliche Dummheit gegen Künstliche Klugheit?
Es ist schon verblüffend, dass wir Menschen zwar in der Lage sind, Dinge wie KI zu erschaffen, aber andererseits zu dumm sind, Nachschlagewerke zu nutzen. Oder zu faul.
Immer weniger Menschen haben ein Lexikon zu Hause im Bücherregal. Brockhaus’ oder Meyers Konversations- bzw. Universallexika galten einst als „Substrat menschlichen Wissens“. Gibt es etwa einen Zusammenhang zwischen dem Tod des Lexikons und der (Zunahme der) menschlichen Dummheit?
Außerdem stellt sich in diesem Zusammenhang die große Frage: Wenn doch „menschliche“ Beiträge und frei verfügbare Inhalte im WWW oft fehlerhaft sind, warum trainiert man die KI nicht mit Online-Enzyklopädien wie etwa der Wikipedia?
Für wen (oder was) schreiben wir eigentlich?
Aber zurück zum Thema. Nein, ich frage mich nur Folgendes: Für wen (oder was) schreibe ich eigentlich, wenn mehr Bots als Menschen im WWW unterwegs sind?
Wenn diese Seiten nur noch von Bots von Konzernen aufgesucht werden, die damit ihre KI trainieren wollen, macht das Schreiben keinen Spaß mehr. Noch dazu, wenn ich gar nicht weiß, wo meine Inhalte landen und wozu genau sie gebraucht werden!
Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Wie gehen Sie damit um?
Weitere Quellen und Verweise
- IONOS: „Was ist künstliche Intelligenz (KI)?“
- IONOS: „Agentic AI vs. Generative AI“
- Cloudflare Blog: „Moving past bots vs. humans“ vom 21. April 2026 (englisch)
- innobu: „Mehr Bots als Menschen: das Agentenweb 2026“
- MedienFokus BW: „Wie viel Mensch steckt noch im World Wide Web?“ vom 12. Juni 2026
- tagesschau.de: „Wie sicher sind KI-Wasserzeichen?“ vom 2. August 2026
- Verbraucherzentrale: „KI-Chatbots im Überblick: Was Sie über ChatGPT, Gemini & Copilot wissen sollten“
- Verbraucherzentrale: „AI Act: Was regelt die neue europäische KI-Verordnung?“
- „Der KI-Podcast“ in ARD Sounds: „Wie baut man eine KI, ohne eine Milliarde?“ vom 21. Juli 2026, 44 Minuten
(Dieser Beitrag erschien zunächst in meinen Notizen unter „Was Sie schon immer (nicht) wissen wollten (31). Mehr Bots als Menschen im WWW unterwegs“ und wurde hierfür leicht bearbeitet.)


