Schlechter Sex in der Literatur

Aufgeschlagenes Buch

Der Bad Sex in Fiction Award

Schlechter Sex in der Literatur ist gar nicht so selten wie man annehmen könnte. Mit dem Bad Sex in Fiction Award werden solche Werke jährlich ausgezeichnet. Doch was verleitet Schriftsteller zu schlecht geschriebenem Sex? Hilflosigkeit und Sensationslust!

Rießverschluss
Wenn der Reißverschluss stottert: schlechter Sex in der Literatur (Microsoft Clip Art)
Und nun zu etwas völlig anderem: schlechter Sex in der Literatur. Aber keine Sorge, wir tauchen nicht in die Untiefen der Schmuddel- und Schundliteratur ein. Gute Englisch­kenntnisse und eine gewisse Offenheit für erotische oder gar explizit sexuelle Sprache sollten dennoch vorhanden sein!

Eine Auszeichnung für schlechten Sex in Büchern? Ja, die gibt es wirklich! Seit 1993 wird der Bad Sex in Fiction Award der britischen Literaturzeitschrift „Literary Review“ für die Beschreibung der schlechtesten Sexszene in einem zeitgenössischen Roman vergeben — als abschreckendes Beispiel und um solche zukünftig zu verhindern. Gelungen ist dies nicht, es gibt sie nach wie vor. Im Englischen heißt das:

[…] the year’s most outstandingly awful scene of sexual description in an otherwise good novel.

Schlechter Sex in der Literatur ist also gar nicht so selten! Und wenn wir hier von Romanautoren sprechen, so ist dies durchaus beabsichtigt, denn es finden sich nur drei Frauen unter den bislang Ausgezeichneten. Wobei das Wort „Auszeichnung“ schon einen fragwürdigen Beigeschmack hat, wie wir noch lesen werden.

Weltbekannte Autoren wie Salman Rushdie, Joyce Carol Oates, aber auch Nick Cave oder Doris Dörrie und sogar Stephen King waren bereits für den Preis nominiert. Solche wie Tom Wolfe, Norman Mailer (posthum), Jonathan Littell und John Updike (für sein Lebenswerk!) erhielten ihn bereits. Und ein ehemaliger britischer Premierminister schrammte nur deshalb knapp an einer Aus­zeichnung vorbei, weil es sich bei seinem Werk nicht um Fiktion handelte.

Brennend heiß einen kleinen Affen manipulieren

Die letzte Verleihung 2019 ging gleich an zwei Autoren, nämlich an den Franzosen Didier Decoin für seinen Roman „The Office of Gardens and Ponds“. Der andere ist der Brite John Harvey für „Pax“. Die Jury sah sich außerstande, nur einen auszuzeichnen:

Faced with two unpalatable contenders, we found ourselves unable to choose between them. We believe the British public will recognise our plight.

Hier die „Stelle“ aus Decoins Werk, immerhin das eines früheren Prix-Goncourt-Gewinners:

Katsuro moaned as a bulge formed beneath the material of his kimono, a bulge that Miyuki seized, kneaded, massaged, squashed and crushed. With the fondling, Katsuro’s penis and testicles became one single mound that rolled around beneath the grip of her hand. Miyuki felt as though she was manipulating a small monkey that was curling up its paws.

(aus Didier Decoin: The Office of Gardens and Ponds, London 2019, französisches Original: Le Bureau des jardins et des étangs, Paris 2017, deutsch: Das Ministerium der Gärten und Teiche, Stuttgart 2018)

Und hier diejenige aus Harveys Roman:

She was burning hot and the heat was in him. He looked down on her perfect black slenderness. Her eyes were ravenous. Like his own they were fire and desire. More than torrid, more than tropical: they two were riding the equator. They embraced as if with violent holding they could weld the two of them one.

(aus John Harvey: Pax, London 2019)

Nun, „einen kleinen Affen manipulieren“ hat schon etwas und „brennend heiß“ gehören natürlich zusammen! Man hofft, dass er sich nicht verbrennt. Schlechter Sex in der Literatur, eben. Auf den Äquator kommen wir später noch einmal zu sprechen. Nominiert waren diesmal allerdings auch zwei Autorinnen.

Eine sexuell gefährliche Umdrehung der Achterbahn

Zu den zumindest bei der jüngeren und mittelalten Generation bekanntesten Gewinnern zählt der ehemalige Sänger der Gruppe The Smiths und seit Jahren auf Solopfaden wandelnde Morrissey. Wobei es schon erstaunlich ist, dass der vielen als asexuell geltende Künstler sich an Erotik versucht! Man möchte das Zitat aus seinem 2015 ausgezeichneten Werk eigentlich gar nicht übersetzen, so krude liest sich der Sex. Eine deutsche Übersetzung seines Romans sei auch nicht geplant.

At this, Eliza and Ezra rolled together into the one giggling snowball of full-figured copulation, screaming and shouting as they playfully bit and pulled at each other in a dangerous and clamorous rollercoaster coil of sexually violent rotation with Eliza’s breasts barrel-rolled across Ezra’s howling mouth and the pained frenzy of his bulbous salutation extenuating his excitement as it whacked and smacked its way into every muscle of Eliza’s body except for the otherwise central zone.

(aus Morrissey: List of the Lost, London 2015)

Haarsträhnen, die sich wie Peitschen über das Gesicht schwingen, und steinerne Penisse

Der von vielen verehrte Haruki Murakami machte es in seinem als Meisterwerk gefeiertem vorletzten Roman auch nicht besser:

Die beiden umschlangen Tsukuru von allen Seiten. Kuros Brüste waren weich und voll. Shiros waren klein, aber ihre Brustwarzen wurden hart wie runde Kieselsteine. Das Schamhaar der beiden war feucht wie der Regenwald. Ihr Atem vermischte sich mit seinem, wie von weither kommende Strömungen, die sich unbemerkt auf dem dunklen Meeresgrund begegnen. Nach langen, innigen Liebkosungen drang er in Shiros Vagina ein. Sie setzte sich auf ihn, nahm sein hartes Glied in die Hand und führte es in sich ein. Wie von einem Vakuum angesogen glitt sein Penis ohne jeden Widerstand in ihren Körper. Ihre langen schwarzen Haarsträhnen schwangen über seinem Gesicht wie Peitschen.

(aus Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Köln 2014, nominiert 2014)

Da mag man fast froh sein, nicht unter Shiro zu liegen!

Oder Jonathan Littell, Gewinner von 2009:

If only I could still get hard, I thought, I could use my prick like a stake hardened in the fire, and blind this Polyphemus who made me Nobody. But my cock remained inert, I seemed turned to stone.

(aus Jonathan Littell: The Kindly Ones, New York 2009, französisches Original: Les Bienveillantes, Paris 2006, deutsch: Die Wohlgesinnten, Berlin 2008)

Warum schlechter Sex in der Literatur? Sex muss sensationell sein!

Warum schreiben aber Schriftsteller wie Littell, dessen genanntes Werk weltweit hoch gelobt wurde, solch schlechte Sexszenen? Das Problem beim Schreiben über Sex ist wohl, dass die Autoren nach immer neuer Übersteigerung suchen. Der Sex muss sensationell sein, „Gebrauchssex“ oder alltäglicher Sex hat keinen Platz. Der Literaturwissenschaftler Dirk Vanderbeke meinte in einem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur, dass so gut wie jede Formulierung schon „durchgenudelt“ wurde und es nicht einfach sei, über den Akt zu schreiben, ohne in Klischees zu verfallen:

Was auffällt bei diesen Stellen, es sind ja immer ekstatische Sexszenen. Es ist nicht das, was auch mal passieren kann, sagen wir mal ein Gebrauchssex oder ein etwas trostloser Sex. Es sind alles Überbietungssituationen, ekstatische Situationen, in denen immer etwas Tolleres gefunden werden soll — etwas noch Besseres. Und das ist sehr schwer.

(aus Deutschlandradio Kultur: Bad Sex in Fiction Award. Was Sie niemals über Sex lesen wollten, Kompressor vom 3. Dezember 2014)

Hauptsächlich männliche Schriftsteller – und eine Biografie

„Sex is like money; only too much is enough“, soll John Updike geschrieben haben, und er drückt das, was Vanderbeke behauptet, auf seine Weise aus, auch in seinen Büchern. Die Preisträger sind in der Mehrzahl Männer; diese neigen offensichtlich eher zu (prä)potenten Kraftmeiereien als Frauen, die sich in der Regel wohltuend zurückhalten. Selbst die ausschweifendsten Sexszenen bei Anaïs Nin wie etwa in „Das Delta der Venus“, einem Meisterwerk erotischer Literatur, wirken nie abstoßend oder komisch.

Rein erotische wie ebendieses oder gar pornografische Werke werden aber übrigens beim Schlechter-Sex-in-der-Literatur-Preis nicht berücksichtigt, sodass Anaïs Nin ohnehin nie nominiert werden würde. Auch nicht die „Fifty Shades of Grey“-Trilogie der britischen Autorin E. L. James. Die Juroren wollten ihr durch eine Auszeichnung zudem nicht zu mehr „Publicity“ verhelfen.

Einmal allerdings wurde auch ein nicht-fiktionales Buch vorgeschlagen. Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair hatte den Preis für seine Memoiren zwar nicht erhalten, preisverdächtig (geschmacklos) sind seine Zeilen aber allemal:

That night she cradled me in her arms and soothed me; told me what I needed to be told; strengthened me. On that night of 12 May 1994, I needed that love Cherie gave me, selfishly. I devoured it to give me strength. I was an animal following my instinct.

(aus Tony Blair: A Journey, London 2010, deutsch: Mein Weg, München 2010, nominiert 2010)

Gemüse, umgelegte Schalter, stotternde Reißverschlüsse und Fleisch, Fleisch, Fleisch

Es sind vor allem die Vergleiche mit Yamswurzeln (John Updike: Brazil) oder anderem Gemüse, mit Regenwald (Murakami, siehe oben), Nadelstreif (Wendy Perriam: Tread Softly, Gewinnerin 2002), explodierenden Supernovae (Manil Suri: The City of Devi, Gewinner 2013), umgelegten Schaltern (Ben Okri: The Age of Magic, Gewinner 2014) oder von Reißverschlüssen, die „stotterte[n] zwischen ihren Fingernägeln wie ein Motorboot auf einem glatten See“ (Eric Reinhardt: The Victoria System, nominiert 2014) usw., die oft unfreiwillig komisch sind und zu einer Auszeichnung mit dem Bad Sex in Fiction Award oder wenigstens zu einer der vielen Nomi­nierungen dafür führen. Bei Richard Flanagan war es der Vergleich des Abdrucks des Gummibands der weiblichen Strumpfhose mit dem Äquator:

If the earth spun it faltered, if the wind blew it waited. Hands found flesh; flesh, flesh. He felt the improbable weight of her eyelash with his own; he kissed the slight, rose-coloured trench that remained from her knicker elastic, running around her belly like the equator line circling the world. As they lost themselves in the circumnavigation of each other, there came from nearby shrill shrieks that ended in a deeper howl.

(aus Richard Flanagan: The Narrow Road to the Deep North, North Sydney 2013, deutsch: Der schmale Pfad durchs Hinterland, München 2015, nominiert 2014)

Es geht auch anders: Arno Schmidt

Nun, es ließen sich viele, viele weitere Beispiele für schlechten Sex in der Literatur anführen, aber vor so viel „Fleisch, Fleisch, Fleisch“ und „tieferem Geheul“ wie gerade bei Flanagan, das sich meist nur hilflos liest, flüchten wir jetzt einfach und widmen uns einer Meisterleistung.

Arno Schmidt beschrieb in „Seelandschaft mit Pocahontas“, wie zwei Kriegsheimkehrer in den frühen 1950er-Jahren während eines kurzen Sommerurlaubs jeweils flüchtige und befristete Liebes­abenteuer erleben. Hier eine letzte traurige, irgendwie auch erschütternde Sexszene zwischen der Hauptperson und der Titelfigur „Pocahontas“, eigentlich Selma, einer verlobten Stenotypistin, in der regennassen norddeutschen Kälte kurz vor der Abreise am nächsten Tag:

»’ran denkstu?«. Achselzucken.: »Du?« Achselzucken; aber ungefügte Tränen. »Komm ….« (Und wir gingen vor den haushohen Schleiern her, über das triefende Moor)/Der Regen machte manchmal Grotten um uns; jeder wandte sich verwirrt in seine ab: gelb floß uns der kalte Harn aus den pferdigen Leibern; und sie knixte hoch, und heulte blitzschnell wieder Rotz und Wasser. »Praps, praps, praps« rief die Krähenreisende, also scheinbar ne Miß./Am Moorkanal: 1 leeres Blatt versuchte, ihn hinunterzutreiben, während sie verschränkt über die platte Brücke ging. Steinerne Umarmung. Wir besahen uns finster aus beregneten bulleyes; eine weibliche Weide, dickes dunkles Gesicht, schlug ihr Haar nach vorn, flüsterte und zitterte, strähnen­überzogen. Ich nahm ihre kalte wachsrote Hand an, und trug sie erschüttert: Kind, was tun sich die Menschen für Erinnerungen an! Vor der zementenen Himmelswand hinten ein verfallender Schuppen, bretternes Los./Nebelhorn des Mondes, abgebildet überm Moor; in jeder Fußspur erschien Wasser; auf mittleren Hacken war sie so groß wie ich. »Im Stehen«: »Hinter der Pappel da.« Semig leckte’s hinunter auf den Torf, in vier langen Tropfen, ein Rest ans Taschentuch gewischt, weggesteckt: »Komm!«

Weitere Verweise

Sowohl beim „Independent“ als auch beim „Guardian“ finden Sie viele weitere „Stellen“.

(Dies ist eine aktualisierte und ergänzte Fassung des am 15. Dezember 2015 veröffentlichen Beitrags „Stotternde Reißverschlüsse: schlechter Sex in Büchern“ in Ronalds Notizen. Und, ja, der Autor nimmt auch Aufträge an, in denen es um erotische und auch explizit sexuelle Sprache geht! Eigene Schreibversuche in dieser Richtung hat er bereits angefertigt, die allerdings teilweise mit einem Passwort geschützt sind; siehe unter der Kategorie „Erotik und Sexualität“ in Ronalds Notizen.)

Ronald M. Filkas
Gelernter Schriftsetzer im Handsatz, Studium der Germanistik, zertifiziert abgeschlossene Fortbildungen „Web-Publishing Schwerpunkt DTP“ und Online-Redaktion, langjährige Erfahrungen als Schriftsetzer/ DTP-Fachkraft und als Korrektor und Lektor in Druckereien, Redaktionen und Verlagen. Mehr? Seite „Über mich“!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.