Im Reich der Interpunktionen

Im Reich der Interpunktionen
nicht für­der gold­ner Friede prunkt:

Die Semi­ko­lons wer­den Drohnen
genannt von Bei­strich und von Punkt.

Es bil­det sich zur sel­ben Stund
ein Antisemikolonbund.

Die ein­zi­gen, die stumm entweichen
(wie immer), sind die Fragezeichen.

Die Semi­ko­lons, die sehr jammern,
umstellt man mit geschwung­nen Klammern

und setzt die so gefang­nen Wesen
noch oben­drein in Parenthesen.

Das Minus­zei­chen naht, und — schwapp!
da zieht es sie vom Leben ab.

Kopf­schüt­telnd bli­cken auf die Leichen
die heim­ge­kehr­ten Fragezeichen.

Doch, wehe! neuer Kampf sich schürzt:
Gedan­ken­strich auf Komma stürzt —

und fährt ihm schnei­dend durch den Hals,
bis die­ser gleich — und ebenfalls

(wie jener mör­de­risch bezweckt)
als Strich­punkt das Gefild bedeckt! …

Stumm trägt man auf den Totengarten
die Semi­ko­lons bei­der Arten.

Was übrig von Gedankenstrichen,
kommt schwarz und schweig­sam nachgeschlichen.

Das Aus­rufs­zei­chen hält die Predigt;
das Kolon dient ihm als Adjunkt.

Dann, jeder Kom­ma­form entledigt,
stapft heim­wärts man, Strich, Punkt, Strich, Punkt …

Aus Chris­tian Mor­gen­stern: Der Gingg­anz, Ver­lag von Bruno Cas­si­rer, Ber­lin 1919; siehe auch sein Gedicht „Das But­ter­brot­pa­per“, zitiert in Ronalds Noti­zen und hier zum Hören:

Ronald M. Filkas
Gelernter Schriftsetzer im Handsatz, Studium der Germanistik, zertifiziert abgeschlossene Fortbildungen „Web-Publishing Schwerpunkt DTP“ und Online-Redaktion, langjährige Erfahrungen als Schriftsetzer/ DTP-Fachkraft und als Korrektor und Lektor in Druckereien, Redaktionen und Verlagen. Mehr? Seite „Über mich“!

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